Ruhrkrise
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Ruhrkrise

 

Ende Oktober 1922 müssen die meisten Bürger der Stadt die öffentliche Brotversorgung in Anspruch nehmen. Die Marken dafür gibt es in der Reichskrone. Ausgenommen sind Alleinstehende und Haushaltsvorstände mit einem steuerlichen Jahreseinkommen (1921) von über 30 000 Mark, bei letzteren werden für jede im Haushalt zu verpflegende Person zuzüglich 15 000 Mark berücksichtigt.

Für die Instandsetzung und Neuausstattung des Rathauses gibt die Stadtverwaltung im Sommer 1922 zu viel Geld aus. In Arbeiterkreisen spricht man bereits im Vorfeld (1921) von Verschwendungssucht. Für den Innenausbau sind 800 000 Mark bewilligt. In der Stadtverordnetensitzung am 7. Juli 1922 werden weitere 80 000 Mark bewilligt. Insgesamt beträgt die Nachbewilligung für den Um- und Ausbau des Rathauses bereits 600 000 Mark, was den Ummut einiger Stadtverordneter auf sich zieht. Sie äussern, man hat den Eindruck als wenn die Stadt in Geld schwimme.

Am 5. Mai 1923 sucht die Region ein schwerer Hagel heim. Im August wird unter idealen Wetterbedingungen die Ernte eingebracht. Am 21. August rollt das Radrennen Rund um Naumburg.

Walter Hege [1 2 3 4] zeigt im Januar 1923 auf Volksschulabenden zum Thema Beseelte Steine die Schönheiten des Naumburger Doms. Im Sommer 1924 organisiert er zusammen mit dem Pädagogen und Sozialdemokraten Alfred Reichwein (1898-1944) die Naumburgwoche, um die mittelalterliche Baukunst den interessierten Bürgern näherzubringen. Umsonst. Es gehen zu wenige Anmeldungen ein.

Ab 9. Juli 1924 verkehrt erstmals neunmal am Tag der Omnibus auf der Personen-Kraftwagen-Verkehrs-Linie Naumburg - Bad Kösen - Saaleck. Die Fahrzeit beträgt vierzig Minuten.

 

Ruhrkrise

Das politische Naumburg steht ab Mitte Januar 1923 im Zeichen der öffentlichen Proteste gegen die Besetzung des Ruhrgebietes am 11. Januar 1923 durch französische und belgische Truppen. Damit sichern sich die Franzosen 72 Prozent der Steinkohleförderung, 54 Prozent der Roheisenherstellung und 53 Prozent der Rohstahlproduktion ihrer deutschen Konkurrenten. Die Kohlezechendirektoren, darunter Fritz Thyssen und Generaldirektor Tengelmann, werden von ihnen gefangen genommen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

Das Zentralrussische Exekutivkomitee protestiert gegen die

„Vergewaltigung der Selbstbestimmung
des deutschen Volkes“.

Aus einigen Städten der Sowjetunion hört man von Solidaritätskundgebungen. Das Rheingebiet wird mit Getreide und Geldspenden unterstützt.

Den politischen Hintergrund für die Ruhrbesetzung bildet das Scheitern der Verhandlungen über den Aufbau eines lothringisch-rheinisch-westfälischen Montantrusts. Mehr Anlass als Ursache waren hingegen die Rückstände der Cuno-Regierung bei der Zahlung der Reparationsleistungen mit 2 Millionen Tonnen Kohle und Koks, 130 000 Telegrafenstangen und 20 000 Raummeter Holz.

Die Regierung fordert zum passiven Widerstand gegenüber den Besatzern auf. Reichswehr und andere organisierte Gruppen führen mit Sprengstoffanschlägen einen begrenzten Krieg gegen die Besatzer. Es kommt zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. In Essen schiessen die Franzosen am 13. April 1923 mit Maschinengewehren auf die Arbeiter. 48 Todesopfer sind zu beklagen.

 

Reaktionen in Naumburg

Ein

"Rechtsbruch des Westens"

sei die Ruhrbesetzung, formuliert am 13. Januar 1923 Vorsteher Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) den mehrheitsfähigen Standpunkt der Stadtverordnetensitzung.

Das Naumburger Tageblatt veröffentlicht die Solidaritätsspenden der Bevölkerung. Auf dem Markt findet

am 18. Januar 1923

unter dem Motto:

„Keiner, der sein Vaterland lieb hat
und abkommen kann, darf fehlen!“

eine Protestkundgebung statt.

Die Ruhrkrise greift tief in den Alltag der Bürger ein. Aufgrund der „Gewaltmaßnahmen der Gegner“ wird ein Verbot aller „Tanzlustbarkeiten“ erlassen. Übertretungen unterliegen dem Polizeistrafgesetzbuch. Die Polizeistunde beginnt 11 Uhr abends.

 

Das Naumburger Gewerkschaftskartell lädt für den

18. Januar 1923
zur Volksversammlung in den Ratskeller

ein. In der Diskussion fordert Kaufmann Friedrich Hagemann (Jägerplatz 69) vom Bürger-Wirtschaftsblock die Arbeiterschaft auf, einen nationalen Standpunkt einzunehmen. Und ein Justizsekretär stellt fest: "Stinnes ist ein Mann von deutscher Art." Dies, so stellt sich bald heraus, teilt die Mehrheit der Arbeiter nicht, weshalb unter dem Aufruf die Unterschrift von SPD, KPD und dem örtlichen Gewerkschaftskartell fehlt. Sie begreifen, wie in der Volksversammlung am 18. Januar deutlich wird, den Konflikt als Ausdruck der Konkurrenz zwischen den deutschen und französischen Großindustriellen. Für sie bedeutet die Ruhrkrise eine zunehmende Kriegsgefahr.

"Wie der letzte Krieg verloren wurde, so könne auch ein neuer nichts gutes bringen",

war ihre Meinung.

Zum Ende der Versammlung trägt Walter Fieker (KPD) noch eine Entschließung vor. Sie verurteilt die Gewaltbereitschaft der Franzosen und überbringt den Kommunisten in Frankreich die besten Kampfesgrüsse. Natürlich lehnen dies die meisten Teilnehmer ab.

Kein Nationalstandpunkt, wohl aber Propaganda für die Kommunistische Partei mit Redner Altemann aus Halle, äussert das Naumburger Tageblatt dazu drei Tage später seine Meinung zur Volksversammlung.

Immerhin traten auf dieser Volksversammlung Bürger aus allen sozialen Schichten und Klassen der Stadtgesellschaft in einen Dialog. Eine politische Kultur, die sich bald verflüchtigt. Zudem war hier eindeutig die Tendenz zur friedlichen Beilegung des Konflikts und Abbau der Feindseligkeiten gegenüber Frankreich zu erkennen. Das war gegen die Revisionspolitik gerichtet und macht die Gegensätze in der Stadtgesellschaft sichtbar.

Die politische Offensive der Linken kontert die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und holt den Reichstagsabgeordneten Professor Martin Spahn (1875-1945) zur Hilfe. Er unterzeichnete seinerzeit am 4. Oktober 1914 den Aufruf An die Kulturwelt, der jede Kriegsschuld Deutschlands leugnet und wieder aller Tatsachen behauptet: "Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben." 1921 wechselte der Auserwählte von der Zentrumspartei zur Deutschnationalen Partei über. Oberlandesgerichtsrat Fritze eröffnet

am 22. Januar 1923

die Versammlung im Ratskellersaal. Sogleich erhält der "Vorkämpfer des nationalen Gedankens" das Wort. Ihm ist als ob die Zeit des Erfüllens und Zurückweichens vorbei ist, sagt der Professor für Geschichte an der Universität Köln (1920-1940). Die alte Feindschaft zu Frankreich lebt wieder auf. Denn:

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass der Franzose noch weiter und tiefer ins Land einfallen wird, wir müssen darauf gefasst sein, dass er seine Truppen vorwärts führen wird, auch von der Ostseite her, wo der Pole und Tscheche schon auf der Lauer liegt." (Spahn 1923)

Aus der gefahrvollen

Mittellage Deutschlands in Europa

erwächst hier zwanghaft ein Angst- und Bedrohungsgefühl. Der Referent formatiert es geschickt zu einem neuen historischen Optimismus: In uns, sinngemäss, muss das Bewusstsein von den Siegen und Heldentaten wieder aufsteigen. Was für eine vortreffliche Zuarbeit für die Revisionspolitik! Mit diesen Ambitionen betreibt Martin Spahn dann Weltpolitik, erörtert das Wiedererstarken der Türkei, den bolschewistischen Umbruch (1917), die europäischen Interessen Frankreichs, die Erschliessung des deutschen Absatzmarktes durch die Amerikaner, um schliesslich einen zweiten politischen Lehrsatz zu formulieren:

"Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein."

Was hilft da noch? Ein Wille, ein "neuer Hauch von Kampfwissen, der uns mächtig macht und Widerstand gibt". Und deshalb stehen wir hinter der Regierung Cuno, sagt der Referent.

 

Am 23. Januar 1923 eröffnet Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) die Stadtverordnetensitzung mit einem Protest

„gegen den schweren Rechtsbruch
der Feinde im Westen“.

Den Tag darauf erscheint in der Presse der

Aufruf an alle Bewohner Naumburg Stadt
und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe!

"Der kriegerische Einbruch französischer und belgischer Truppen in das friedliche, ungeschützte deutsche Arbeitszentrum trifft unser ganzes Volk. Gegenwehr erfordert Opfer von jedermann. Rücksichtslose Requisitionen steigern, die Knappschaft der Lebensmittel zu bitterster Not. .... Nur wirklich reichlich Gaben können wirksam helfen." - Die Erklärung unterzeichneten der Allgemeine Arbeitergeberverband (Siebold), Richterbund Naumburg (Kosok), Naumburger Anwaltsverein, Naumburger Ärzteverein (Grüneisen), Verein der Oberlandesgerichtsanwälte, Gewerkschaftsbund der Angestellten (Wirth), Naumburger Beamtenbund (Meyerhoff, Ortskartell), Arbeitgeberverband der Kammindustrie (Müller), Land- und fortwirtschaftlicher Arbeitgeberverband Naumburg-Camburg (Tippe), Landrat (von Deines) und Oberbürgermeister (Dietrich).

Steinweg (2006)

In der Stadtverordnetensitzung am

6. März 1923

dominieren zwei Themen: Die Arbeitslosenfrage und die Ruhr-Hilfe. Ausserdem wird Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) in dieser Stadtverordnetenversammlung als Ersatz für Ernst Heinrich Bethge in das Amt des SPD-Abgeordneten eingeführt.

Die Stadt will sich an der Ruhrhilfe mit einer Million Reichsmark beteiligen. Ein Stadtverordneter sieht darin eine Möglichkeit, etwas gegen die Erwerbslosigkeit zu tun. Denn wenn das dort schief gehe, so argumentiert er, wächst die Beschäftigungslosigkeit in ganz Deutschland. Otto Grunert (Steinweg 14) von der SPD unterstützt zwar die Vorlage, hält aber trotzdem dagegen:

„… die Arbeiter wollten nicht für den deutschen Kapitalisten die Kastanien aus dem Feuer holen.“

Seine Parteifreunde schließen sich diesem Standpunkt an.

Stadtverordneter Bley meint hingegen, dass die eine Million vor Ort bleiben müsse. Dieses Geld muß für die Arbeitslosen in Naumburg eingesetzt werden, fordert der Kommunist.

 

Politische Krise

Wilhelm Cuno (1876-1933) war am 14. November 1922 durch den Reichspräsidenten der Republik - ohne vorherige Wahl - zum Reichskanzler ernannt worden. Die Ruhrkrise zerrüttet die Währung. Streiks greifen um sich. Der ehemalige HAPAG-Direktor tritt am 12. August 1923 als Reichskanzler zurück. Tags darauf Tag führt Gustav Stresemann (1879-1929) die erste Regierung der Großen Koalition aus DVP, SPD, Zentrum und DDP. Sie setzt den Kurs des Widerstandes gegen die Franzosen bis zum 26. Oktober 1923 fort. Dann verliert Stresemann am 22. November 1923 die Abstimmung über die Vertrauensfrage.

 

 

Reichspräsidentenwahlen 1925

Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun. Reichspräsidentenwahl 29. März 1925, Künstler: Gottfried Kirchbach

Im Frühjahr 1925 beginnen die Vorbereitungen für die Reichspräsidentenwahlen. Der erste Wahlgang findet am 29. März 1925 statt, aber keiner der Kandidaten erreicht die Mehrheit. Es folgt am 26. April 1925 der zweite und entscheidende Wahlgang. In Vorbereitung darauf lädt die Deutsche Volkspartei am 17. April 1925 zur Versammlung in den Rathaussaal ein. Pastor Zeidler hält die Wahlkampfrede:

„Es kann einem Übel werden von den Wahlen mit dem Parteiengezänk und dem Aufeinanderschieben der Schuld an unserem Elende. … Was verlangen wir vom neuen Reichspräsidenten? Wir brauchen einen Mann für das ganze Vaterland, einen geschulten und bewährten Mann. Marx, der Vorkämpfer für das katholische Zentrum, ist es nicht. … Wir erwarten [von Hindenburg] Ordnung, und das deckt sich mit seinem Geiste. … Wir brauchen einen Staat, der uns Vertrauen einflößt. Bis jetzt ist die Konjunktur Objekt für ein paar Parteimänner. Sie haben den Staat so heruntergewirtschaftet, daß die Arbeiter vergeblich arbeiteten. Die Lappen, die sie verdienten, waren nichts wert für Frauen und Kinder. … Wir brauchen Ordnung für alle Gebiete. Zu was für einem wahnwitzigen Durcheinander ist es im Schulwesen gekommen. …. Parteien müssen sein auf politischem Gebiete. Aber Hurrarufen hier und die Internationale dort, helfen nicht.“ (Vgl. Wahlausschuss 1925)


Ergebnis der
Reichspräsidentenwahl
vom 26. April 1925

 
 Naumburg Stadt
Naumburg Land


Hindenburg

12461
19336


Marx

3170
4193

Thälmann

 

1132
1614

Paul Hindenburg wird zum Präsidenten gewählt. Einen Tag nach der Wahl titelt der sozialdemokratische Vorwärts:

„Hindenburg von Thälmanns Gnaden“.

Jürgen Falter und anderen weisen (1986, 17+147) statistisch nach, dass der Wahlerfolg der Nationalsozialisten von 1932 mit keinem anderen Ergebnis stärker korreliert als mit der Präsidentenwahl (Hindenburg-Wahl) von 1925. Die Wahl Hindenburgs hilft der NSDAP.

 

 

Wahlen 1924

1924 wird zweimal der Reichstag gewählt.

Die nach den Mai-Wahlen gebildete Minderheitenregierung stösst bald auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Reichskanzler Wilhelm Marx löst am 11. Oktober 1924 den Reichstag auflöst und für den 7. Dezember 1924 werden Neuwahlen anberaumt.

Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Im Vordergrund links Hans von Seeckt, von 8.11.1923 bis 28.2.1924 Inhaber der Exekutivgewalt zur Sicherung des Reiches. Rechts Wilhelm Groener (Ebert-Groener-Pakt, 1919). Im Hintergrund die mächtigen Grossindustriellen.

Vier Tage vor den Reichstagswahlen im Mai `24 bietet der DNVP-Ortsvorsitzende Oberlandesgerichtsrat Fritze um 8 Uhr abends im Ratskeller Oberstleutnant Theodor Duesterberg als Referenten auf. Zunächst beruhigt er die Anwesenden mit dem Spruch:

Die Wehrhaftmachung unseres Volkes
lassen wir uns nicht nehmen!

Nur so kann dann der Kampf gegen Unterjochung und Fremdbestimmung geführt werden.

In die gleiche Kerbe schlägt der Völkisch-Soziale Block, den Lokomotivführer Richard Gläsel (Wiesenstraße 3) anführt. Er lädt am 27. März zur Versammlung ins Schützenhaus ein. Die Kommenden reden sich in Rage. Sie wollen nicht länger dem ausländischen Kapital dienen und ihm damit mühelos den Zugang zum Ertrag deutscher Arbeit gewähren.

Georg Schiele kündigt am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg

"Das Ende der Erfüllungspolitik"

an. In einem zweistündigen Vortrag stellte er "mit grösster Objektvität und Sachlichkeit" (Naumburger Tageblatt, 30.4.1924) die Reparationsfrage dar. Die Ausführungen gliedern sich in die Abschnitte: Wirtschaft = "Durch Opfer zur Freiheit", Innenpolitik = "Ihr habt ja keine Macht" und Aussenpolitik = "Ihr habt ja keine Waffen". Das fand grossen Anklang.

 



Ergebnisse der Reichstagswahlen in Naumburg (Saale)
am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924


       
 
Dtl.
Dtl.
Dtl.
Naumburg
Naumburg
Naumburg
 
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
 
Prozent
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Stimmen
          

DNVP

15,1
19,5
20,5
3271
20,9
31,0
4866
40,4
6798

NSDAP

 
6,6
3,0
  
27,5
4328
10,8
1816

DVP

13,9
5,7
10,1
5146
32,9
9,3
1457
13,9
2345

DDP

8,3
3,2
6,3
1187
7,6
3,5
549
5,6
941

Zentr.

13,6
13,4
13,7
161
1,0
1,2
191
1,2
209

BVP

4,4
3,2
3,7
      

SPD

21,9
20,5
26,0
1958
12,5
10,6
1661
14,4
2425

USPD

17,6
0,8
0,3
3826
24,5
0,7
107
  

KPD

2,1
12,6
9,0
86
0,6
12,5
1957
10,6
1776
     Andere
3,1
8,5
7,5
  
1,1
175
3,1
548

DHP

1,1
 
      

MP

     
2,7
422
  
    
15635
100
100
15713
100
16826


Abkürzungen: Dtl.- Deutschland, MP - Mittelstands Partei, DHP - Deutsch Hannoversche Partei, BVP - Bayerische Volkspartei, Zentr. - Zentrum.

 

 

4 328 Bürger stimmen am 4. Mai 1924 für die Völkisch-Soziale Liste mit den Kandidaten Graf Helldorf und Hinkler. Bei den Reichstagswahlen am 8. Dezember des gleichen Jahres sind es 1 816 Personen.

Allgemein werden die Wahlen von 1924 als Ausdruck der Inflationseindämmung interpretiert. Die radikalen Flügelparteien müssen einen Stimmenverlust von jeweils 1 Millionen Stimmen hinnehmen (Falter 1986, 17). Ein Vergleich der Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 scheint dies zu erhärten. Mit 21,9 / 20,5, / 26,0 und 13,9, / 5,7 / 10,7 Prozent erreichten die SPD beziehungsweise DVP ein gutes Ergebnis.

Plakat der SPD zu den Reichstagswahlen 1924: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie"
Reichstagswahl
. Künstler: Georg Wilke

Manchmal wird bei der Auswertung des Wahljahres 1924 die Stärkung der Rechtsparteien durch die Ruhrkrise vernachlässigt. Nationalisten, Deutschnationale, Deutschvölkische (Richard Gläsel) und Nationalsozialisten (Friedrich Uebelhoer) können ihren Widerstand gegen die Erfüllungspolitik popularisieren. Die DNVP verbessert deutschlandweit ihr Wahlergebnis von 15,1 / 19,5 auf 20,5 Prozent. In Naumburg erreicht sie 20,9 / 31,0 / 40,4 Prozent. Im Mai 1924 wählen im Stadtkreis Naumburg 4 866 Bürger die DNVP. Das sind rund 1 600 mehr als bei den vorhergehenden Reichstagswahlen. Im Dezember kann sie ihren Stimmenanteil gegenüber Juni 1920 sogar verdoppeln. Und das, obwohl es einige Probleme gab. Die Reparationskommission der Siegermächte Grossbritannien und Frankreich legen am 9. April 1924 zur Regelung der Zahlung den Dawes-Plan vor. Für Deutschland bedeutet das erhebliche Einschränkungen in der staatlichen Souveränität. Die DNVP schwankt. Die amerikanischen Kredite locken …. Im deutschnationalen Lager kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Am 29. August 1924 beschliesst der Reichstag mit Stimmen aus der DNVP-Fraktion die Annahme des Dawes-Plans. Im deutschnationalen Naumburg rief dies grosse Empörung hervor. Und trotzdem erreicht sie bei den Wahlen in Naumburg Stadt und Land ein famoses Ergebnis. Hierzu verhalfen ihr wahrscheinlich zwei andere Dauerthemen: Der Widerstand gegen die ausländische Militärkontrolle und Verpfändung der Reichsbahn.

Eine besondere Art der Wahlwerbung für die Deutschnationalen war der Deutsche Tag in Halle, wo die völkische Rechte ihre Ideen und Vorstellungen zur Zukunft Deutschlands eindrucksvoll mit einer völkisch-nationalen Heerschau auf der Rennbahn und der Einweihung des Moltke-Denkmals präsentierte. Das strahlte stark auf Naumburg aus. Die streng nationale Familie wächst in die bürgerliche Mitte hinein. Der Point of no Return zur national-völkischen Wende scheint überschritten. Die Rolle der DNVP als potentieller Bündnispartner der NSDAP war im regionalen Rahmen bereits klar erkennbar, was aber bei der Auswertung der Wahlen merkwürdiger Weise immer wieder kommentiert bleibt. Ob die Wahlen 1924 deshalb als Linksruck interpretiert werden können, bleibt fraglich.

Schliesslich trug zum Erfolg der DNVP eine geschickte Wahlorganisation bei. „Diejenigen unserer Mitglieder, die aus Gesundheitsrücksichten nicht zur Wahl können,“ annonciert die DNVP am 17. November 1924 im Naumburger Tageblatt,

„bitten wir, sich rechtzeitig zu melden,
damit die Wagen bereitgehalten werden können.“

 

 

 

In Auswertung der Reichstagswahl im Dezember 1924 heisst es:

"Auch ist es im Wahlkampfe nicht ohne grobe Ausschreitungen abgegangen. Das zeigt die uns vom Gewerbelehrer Weidner mitgeteilte Tatsache, dass nachts dessen Wohnung ein großes Fenster mit einem Stück Ziegelstein zerworfen worden ist. Ein Aufzug am Tage vor der Wahl erregte viel Aufsehen, weil ein seltsamer Wahlesel [durch Friedrich Uebelhoer von der Nationalsozialistischen Freiheitspartei] herumgeführt wurde. Die Sache endete mit einem Verhör auf der Polizeiwache. Propaganda wurde aber nicht nur in, sondern sogar über der Stadt für die Wahlen gemacht. Zwei Flieger streuten vorgestern große Mengen von Wahlaufrufen, die alsbald in den Gegenden, wo sie niedergefallen waren, ihre Leser fanden. Der Wahltag selbst eröffnete eine Reveille, deren Klänge vielleicht manchem Lauen in die Glieder gefahren sind. Die Zahl der Häuser die geflaggt hatten, war nicht sehr gross. Der Betrieb in den Wahllokalen ging überall ohne Störungen vor sich, allmählich ist ja schon eine gewisse Übung erreicht. Zur Mittagsstunde herrschte ein ziemlicher Andrang … Autos mit Fähnchen waren unterwegs, Kranke und Schwache zu befördern. Auch Sanitäter und Schwestern taten das ihrige."

 

 

 

Als sich der DNVP-Vorsitzende Oskar Hergt (1869-1967) für eine Regierungsbeteiligung aussprach, löste dies eine schwere Führungskrise in der Partei aus. Die Landesverbände leisteten heftigen Widerstand. Deutschkonservative, Völkische und Alldeutsche (Liebe 1955, 90), die in Naumburg zahlreich vertreten, opponieren permanent gegen ihn.

Oskar Hergt wurde am 22. Oktober 1869 als Sohn von Frau Klara Hergt, geborene Teichgräber, und Kaufmann Gustav Hergt in Naumburg geboren. Von 1917/18 war er preußischer Finanzminister und von 1918 bis 1924 Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei.

Aufsehen erregte der Absolvent des Naumburger Domgymnasiums am 16. Januar 1918 als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses mit dem optimistischen Spruch:

"Da wird von der amerikanischen Gefahr geredet. Meine Herren, beruhigen' Sie sich: die Amerikaner können nicht fliegen und nicht schwimmen. Sie werden nie über das große Wasser kommen."

Doch da waren die bereits in aller Stille auf dem europäischen Kontinent gelandet. "Hergt war, seit er dieses grosse Wort gelassen ausgesprochen hatte, der Liebling der Rechten." (Fischart)

1922 kommt der Absolvent des Naumburger Domgymnasiums mit angeblich für einen bevorstehenden Aufstand der radikalen Rechten für subversive Zwecke gebildeten geheimen DNVP-Fonds ins Gerede. (Vgl. Heydeloff 385)

Im Wahlkampf macht der studierte Jurist gerne deutschvölkische Avancen und angelt mit fremdenfeindlichen Sprüchen nach Stimmen. Nach der Inflation versprach er den Rentnern eine Aufwertung der Altersbezüge, woran er sich als Reichsjustizminister (1927/1928) nicht mehr erinnerte. Im Oktober 1928 kandidiert er auf dem DNVP-Parteitag gemeinsam mit Hugenberg, der ihn ansonsten protegierte (vgl. Holzbach 74f.), um den Parteivorsitz - und verliert. Mit Alfred Hugenberg gewinnt der extrem rechte Flügel in der Partei weiter an Einfluss. 1931 geht die DNVP ein Wahlbündnis mit Hitler ein.

 

 

[Aufruf] "An alle Bewohner von Naumburg Stadt und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe". "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. Januar 1923

Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun, Reichspräsidentenwahl 29. März 1925. Künstler: Gottfried Kirchbach. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Fischart, Oskar: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

Heydeloff, Rudolf: Staranwalt der Rechtsextremen. Walter Luetgebrune in der Weimarer Republik. In: Vierteljahres Hefte für Zeitgeschichte. München, 32 (1984) Heft 3, Seite 373 bis 421

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

Liebe, Werner: Die Deutschnationale Volkspartei 1918-1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956

Naumburg am Wahltage. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 8. Dezember 1924

Öffentliche Volksversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Januar 1923

Plakat Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie. Reichstagswahl 4. Mai 1924 oder 7. Dezember 1924. Künstler: Georg Wilke. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

[Spahn, Martin] Reichstagsabgeordneter Martin Spahn in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 25. Januar 1925

Reichstagsabgeordneter Martin Spahn in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 25. Januar 1923

Wahlausschuss indenburg. Vortrag des Pastors Zeidler aus Holzhausen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. April 1925


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005. Aktualisiert: 17. Juni 2008
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