Ruhrkrise
 
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Ruhrkrise und die Wahlen 1924/25

 

Ende Oktober 1922 müssen die meisten Bürger der Stadt die öffentliche Brotversorgung in Anspruch nehmen. Die Marken dafür gibt es in der Reichskrone. Ausgenommen sind Alleinstehende und Haushaltsvorstände mit einem steuerlichen Jahreseinkommen (1921) von über 30 000 Mark, bei letzteren werden für jede im Haushalt zu verpflegende Person zuzüglich 15 000 Mark berücksichtigt.

Für die Instandsetzung und Neuausstattung des Rathauses gibt die Stadtverwaltung im Sommer 1922 zu viel Geld aus. In Arbeiterkreisen spricht man bereits im Vorfeld (1921) von Verschwendungssucht. Für den Innenausbau sind 800 000 Mark bewilligt. In der Stadtverordnetensitzung am 7. Juli 1922 werden weitere 80 000 Mark bewilligt. Insgesamt beträgt die Nachbewilligung für den Um- und Ausbau des Rathauses bereits 600 000 Mark, was den Unmut einiger Stadtverordneter auf sich zieht. Sie äussern, man hat den Eindruck als wenn die Stadt in Geld schwimme.

Am 5. Mai 1923 sucht die Region ein schwerer Hagel heim. Im August wird unter idealen Wetterbedingungen die Ernte eingebracht. Am 21. August rollt das Radrennen Rund um Naumburg.

Walter Hege [1 2 3 4] zeigt im Januar 1923 auf Volksschulabenden zum Thema Beseelte Steine die Schönheiten des Naumburger Doms. Im Sommer 1924 organisiert er zusammen mit dem Pädagogen und Sozialdemokraten Alfred Reichwein (1898-1944) die Naumburgwoche, um die mittelalterliche Baukunst den interessierten Bürgern näherzubringen. Umsonst. Es gehen zu wenige Anmeldungen ein.

Ab 9. Juli 1924 verkehrt erstmals neunmal am Tag der Omnibus auf der Personen-Kraftwagen-Verkehrs-Linie Naumburg - Bad Kösen - Saaleck. Die Fahrzeit beträgt vierzig Minuten.

 

Ruhrkrise

Das politische Naumburg steht ab Mitte Januar 1923 im Zeichen der öffentlichen Proteste gegen die Besetzung des Ruhrgebietes am 11. Januar 1923 durch französische und belgische Truppen. Damit sichern sich die Franzosen 72 Prozent der Steinkohleförderung, 54 Prozent der Roheisenherstellung und 53 Prozent der Rohstahlproduktion ihrer deutschen Konkurrenten. Die Kohlezechendirektoren, darunter Fritz Thyssen und Generaldirektor Tengelmann, werden von ihnen gefangen genommen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

Das Zentralrussische Exekutivkomitee protestiert gegen die

„Vergewaltigung der Selbstbestimmung
des deutschen Volkes“.

Aus einigen Städten der Sowjetunion hört man von Solidaritätskundgebungen. Das Rheingebiet wird mit Getreide und Geldspenden unterstützt.

Den politischen Hintergrund für die Ruhrbesetzung bildet das Scheitern der Verhandlungen über den Aufbau eines lothringisch-rheinisch-westfälischen Montantrusts. Mehr Anlass als Ursache waren hingegen die Rückstände der Cuno-Regierung bei der Zahlung der Reparationsleistungen mit 2 Millionen Tonnen Kohle und Koks, 130 000 Telegrafenstangen und 20 000 Raummeter Holz.

Die Regierung fordert zum passiven Widerstand gegenüber den Besatzern auf. Reichswehr und andere organisierte Gruppen führen mit Sprengstoffanschlägen einen begrenzten Krieg gegen die Besatzer. Es kommt zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. In Essen schiessen die Franzosen am 13. April 1923 mit Maschinengewehren auf die Arbeiter. 48 Todesopfer sind zu beklagen.

 

Reaktionen in Naumburg

Ein

"Rechtsbruch des Westens"

sei die Ruhrbesetzung, formuliert am 13. Januar 1923 Vorsteher Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) den mehrheitsfähigen Standpunkt der Stadtverordnetensitzung.

Das Naumburger Tageblatt veröffentlicht die Solidaritätsspenden der Bevölkerung. Auf dem Markt findet

am 18. Januar 1923

unter dem Motto:

„Keiner, der sein Vaterland lieb hat
und abkommen kann, darf fehlen!“

eine Protestkundgebung statt.

Die Ruhrkrise greift tief in den Alltag der Bürger ein. Aufgrund der „Gewaltmaßnahmen der Gegner“ wird ein Verbot aller „Tanzlustbarkeiten“ erlassen. Übertretungen unterliegen dem Polizeistrafgesetzbuch. Die Polizeistunde beginnt 11 Uhr abends.

 

Das Naumburger Gewerkschaftskartell lädt für den

18. Januar 1923
zur Volksversammlung in den Ratskeller

ein. In der Diskussion fordert Kaufmann Friedrich Hagemann (Jägerplatz 69) vom Bürger-Wirtschaftsblock die Arbeiterschaft auf, einen nationalen Standpunkt einzunehmen. Und ein Justizsekretär stellt fest: "Stinnes ist ein Mann von deutscher Art." Dies, so stellt sich bald heraus, teilt die Mehrheit der Arbeiter nicht, weshalb unter dem Aufruf die Unterschrift von SPD, KPD und dem örtlichen Gewerkschaftskartell fehlt. Sie begreifen, wie in der Volksversammlung am 18. Januar deutlich wird, den Konflikt als Ausdruck der Konkurrenz zwischen den deutschen und französischen Großindustriellen. Für sie bedeutet die Ruhrkrise eine zunehmende Kriegsgefahr.

"Wie der letzte Krieg verloren wurde, so könne auch ein neuer nichts Gutes bringen",

war ihre Meinung.

Zum Ende der Versammlung trägt Walter Fieker (KPD) noch eine Entschließung vor. Sie verurteilt die Gewaltbereitschaft der Franzosen und überbringt den Kommunisten in Frankreich die besten Kampfesgrüsse. Natürlich lehnen dies die meisten Teilnehmer ab.

Kein Nationalstandpunkt, wohl aber Propaganda für die Kommunistische Partei mit Redner Altemann aus Halle, äussert das Naumburger Tageblatt dazu drei Tage später seine Meinung zur Volksversammlung.

Immerhin traten auf dieser Volksversammlung Bürger aus allen sozialen Schichten und Klassen der Stadtgesellschaft in einen Dialog. Eine politische Kultur, die sich bald verflüchtigt. Zudem war hier eindeutig die Tendenz zur friedlichen Beilegung des Konflikts und Abbau der Feindseligkeiten gegenüber Frankreich zu erkennen. Das war gegen die Revisionspolitik gerichtet und macht die Gegensätze in der Stadtgesellschaft sichtbar.

Die politische Offensive der Linken kontert die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und holt den Reichstagsabgeordneten Professor Martin Spahn (1875-1945) zur Hilfe. Er unterzeichnete seinerzeit am 4. Oktober 1914 den Aufruf An die Kulturwelt, der jede Kriegsschuld Deutschlands leugnet und wieder aller Tatsachen behauptet: "Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben." 1921 wechselte der Auserwählte von der Zentrumspartei zur Deutschnationalen Partei über. Oberlandesgerichtsrat Fritze eröffnet

am 22. Januar 1923

die Versammlung im Ratskellersaal. Sogleich erhält der "Vorkämpfer des nationalen Gedankens" das Wort. Ihm ist als ob die Zeit des Erfüllens und Zurückweichens vorbei ist, sagt der Professor für Geschichte an der Universität Köln (1920-1940). Die alte Feindschaft zu Frankreich lebt wieder auf. Denn:

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass der Franzose noch weiter und tiefer ins Land einfallen wird, wir müssen darauf gefasst sein, dass er seine Truppen vorwärts führen wird, auch von der Ostseite her, wo der Pole und Tscheche schon auf der Lauer liegt." (Spahn 1923)

Aus der gefahrvollen

Mittellage Deutschlands in Europa

erwächst hier zwanghaft ein Angst- und Bedrohungsgefühl. Der Referent formatiert es geschickt zu einem neuen historischen Optimismus: In uns, sinngemäss, muss das Bewusstsein von den Siegen und Heldentaten wieder aufsteigen. Was für eine vortreffliche Zuarbeit für die Revisionspolitik! Mit diesen Ambitionen betreibt Martin Spahn dann Weltpolitik, erörtert das Wiedererstarken der Türkei, den bolschewistischen Umbruch (1917), die europäischen Interessen Frankreichs, die Erschliessung des deutschen Absatzmarktes durch die Amerikaner, um schliesslich einen zweiten politischen Lehrsatz zu formulieren:

"Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein."

Was hilft da noch? Ein Wille, ein "neuer Hauch von Kampfwissen, der uns mächtig macht und Widerstand gibt". Und deshalb stehen wir hinter der Regierung Cuno, sagt der Referent.

 

Am 23. Januar 1923 eröffnet Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) die Stadtverordnetensitzung mit einem Protest

„gegen den schweren Rechtsbruch
der Feinde im Westen“.

Den Tag darauf erscheint in der Presse der

Aufruf an alle Bewohner Naumburg Stadt
und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe!

"Der kriegerische Einbruch französischer und belgischer Truppen in das friedliche, ungeschützte deutsche Arbeitszentrum trifft unser ganzes Volk. Gegenwehr erfordert Opfer von jedermann. Rücksichtslose Requisitionen steigern, die Knappschaft der Lebensmittel zu bitterster Not. .... Nur wirklich reichlich Gaben können wirksam helfen." - Die Erklärung unterzeichneten der Allgemeine Arbeitergeberverband (Siebold), Richterbund Naumburg (Kosok), Naumburger Anwaltsverein, Naumburger Ärzteverein (Grüneisen), Verein der Oberlandesgerichtsanwälte, Gewerkschaftsbund der Angestellten (Wirth), Naumburger Beamtenbund (Meyerhoff, Ortskartell), Arbeitgeberverband der Kammindustrie (Müller), Land- und fortwirtschaftlicher Arbeitgeberverband Naumburg-Camburg (Tippe), Landrat (von Deines) und Oberbürgermeister (Dietrich).

Steinweg (2006)

In der Stadtverordnetensitzung am

6. März 1923

dominieren zwei Themen: Die Arbeitslosenfrage und die Ruhr-Hilfe. Ausserdem wird Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) in dieser Stadtverordnetenversammlung als Ersatz für Ernst Heinrich Bethge in das Amt des SPD-Abgeordneten eingeführt.

Die Stadt will sich an der Ruhrhilfe mit einer Million Reichsmark beteiligen. Ein Stadtverordneter sieht darin eine Möglichkeit, etwas gegen die Erwerbslosigkeit zu tun. Denn wenn das dort schief gehe, so argumentiert er, wächst die Beschäftigungslosigkeit in ganz Deutschland. Otto Grunert (Steinweg 14) von der SPD unterstützt zwar die Vorlage, hält aber trotzdem dagegen:

„… die Arbeiter wollten nicht für den deutschen Kapitalisten die Kastanien aus dem Feuer holen.“

Seine Parteifreunde schließen sich diesem Standpunkt an.

Stadtverordneter Bley meint hingegen, dass die eine Million vor Ort bleiben müsse. Dieses Geld muß für die Arbeitslosen in Naumburg eingesetzt werden, fordert der Kommunist.

 

Politische Krise

Wilhelm Cuno (1876-1933) war am 14. November 1922 durch den Reichspräsidenten der Republik - ohne vorherige Wahl - zum Reichskanzler ernannt worden. Die Ruhrkrise zerrüttet die Währung. Streiks greifen um sich. Der ehemalige HAPAG-Direktor tritt am 12. August 1923 als Reichskanzler zurück. Tags darauf Tag führt Gustav Stresemann (1879-1929) die erste Regierung der Großen Koalition aus DVP, SPD, Zentrum und DDP. Sie setzt den Kurs des Widerstandes gegen die Franzosen bis zum 26. Oktober 1923 fort. Dann verliert Stresemann am 22. November 1923 die Abstimmung über die Vertrauensfrage.

 

 

Wahlen 1924

1924 wird zweimal der Reichstag gewählt.

Die nach den Mai-Wahlen gebildete Minderheitenregierung stösst bald auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Den Hintergrund hierfür bildet das im August 1924 zur Regelung der Reparationen auch mit Hilfe von Teilen der DNVP im Reichstag angenommene Londoner Abkommen. Die bürgerlichen Parteien gehen zunehmend auf Abstand zur SPD. Eine Koalition des Zentrums mit SPD und DNVP scheint kaum mehr möglich. Reichskanzler Wilhelm Marx löst am 11. Oktober 1924 den Reichstag auf. Für den 7. Dezember 1924 werden Neuwahlen anberaumt.

Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Im Vordergrund links Hans von Seeckt, von 8.11.1923 bis 28.2.1924 Inhaber der Exekutivgewalt zur Sicherung des Reiches. Rechts Wilhelm Groener (Ebert-Groener-Pakt, 1919). Im Hintergrund die mächtigen Grossindustriellen.

Vier Tage vor den Reichstagswahlen im Mai `24 bietet der DNVP-Ortsvorsitzende Oberlandesgerichtsrat Fritze um 8 Uhr abends im Ratskeller Oberstleutnant Theodor Duesterberg als Referenten auf. Zunächst beruhigt er die Anwesenden:

Die Wehrhaftmachung unseres Volkes
lassen wir uns nicht nehmen!

Nur so kann dann der Kampf gegen Unterjochung und Fremdbestimmung geführt werden.

In die gleiche Kerbe schlägt der Völkisch-soziale Block, den Lokomotivführer Richard Gläsel (Wiesenstraße 3) anführt. Er lädt am 27. März zur Versammlung ins Schützenhaus ein. Die Kommenden reden sich in Rage. Sie wollen nicht länger dem ausländischen Kapital dienen und ihm damit mühelos den Zugang zum Ertrag deutscher Arbeit gewähren.

Georg Schiele kündigt am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg

"Das Ende der Erfüllungspolitik"

an. In einem zweistündigen Vortrag stellte er "mit grösster Objektivität und Sachlichkeit" (Naumburger Tageblatt, 30.4.1924) die Reparationsfrage dar. Die Ausführungen gliedern sich in die Abschnitte: Wirtschaft = "Durch Opfer zur Freiheit", Innenpolitik = "Ihr habt ja keine Macht" und Aussenpolitik = "Ihr habt ja keine Waffen". Das fand grossen Anklang.

 



Ergebnisse der Reichstagswahlen in Naumburg (Saale)
am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924


       
 
Dtl.
Dtl.
Dtl.
Naumburg
Naumburg
Naumburg
 
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
 
Prozent
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Stimmen
          

DNVP

15,1
19,5
20,5
3271
20,9
31,0
4866
40,4
6798

VSB/DVLF

 
6,6
3,0
  
27,5
4328
10,8
1816

DVP

13,9
5,7
10,1
5146
32,9
9,3
1457
13,9
2345

DDP

8,3
3,2
6,3
1187
7,6
3,5
549
5,6
941

Zentr.

13,6
13,4
13,7
161
1,0
1,2
191
1,2
209

BVP

4,4
3,2
3,7
      

SPD

21,9
20,5
26,0
1958
12,5
10,6
1661
14,4
2425

USPD

17,6
0,8
0,3
3826
24,5
0,7
107
  

KPD

2,1
12,6
9,0
86
0,6
12,5
1957
10,6
1776
     Andere
3,1
8,5
7,5
  
1,1
175
3,1
548

DHP

1,1
        

MP

     
2,7
422
  
    
15635
100
100
15713
100
16826


Abkürzungen: Dtl.- Deutschland,
DVLF - Deutschvölkischen Freiheitspartei, MP - Mittelstandspartei, DHP - Deutsch Hannoversche Partei, BVP - Bayerische Volkspartei, Zentr. - Zentrum, VSB - Völkisch-sozialer Block.

 

 

Als Sieger der `24-Mai-Wahlen sehen viele Bürger die Deutschnationalen (DNVP) an. Sie verbesserten ihr Ergebnis in den Reichstagswahlen 1920 / Mai 1924 / Dezember 1924 von 15,1 / 19,5 auf 20,5 Prozent. Im Wahlbezirk Merseburg, wozu der Stadtkreis Naumburg (Saale) gehört, votieren im Mai 1924 195 659 Personen für sie. 1920 waren es 132 003. In Naumburg schneidet sie mit 20,9 / 31,0 / 40,4 Prozent (= 4 866 Bürger) hervorragend ab. Das sind rund 1 600 mehr als bei den vorhergehenden Reichstagswahlen. Im Dezember kann sie ihren Stimmenanteil gegenüber Juni 1920 sogar verdoppeln. Und das, obwohl sie sich im Reichstag nicht immer gemäss den Erwartungen der Wähler verhielt. Die Siegermächte Grossbritannien und Frankreich legen am 9. April 1924 in der Reparationskommission zur Regelung der Zahlung den Dawes-Plan vor. Für Deutschland bedeutet das erhebliche Einschränkungen in der staatlichen Souveränität. Die DNVP schwankt. Amerikanische Kredite locken …. Im deutschnationalen Lager kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Am 29. August 1924 beschliesst der Reichstag mit Stimmen aus der DNVP-Fraktion die Annahme des Dawes-Plans. Im deutschnationalen Lager von Naumburg rief dies grosse Empörung hervor. So gesehen erreicht Naumburg Stadt und Land bei den Wahlen ein überraschend hohes Ergebnis. Wahrscheinlich halfen hier zwei andere politische Dauerthemen aus: Der Widerstand gegen die ausländische Militärkontrolle und Verpfändung der Reichsbahn. Ausserdem rekrutierte sie Wähler von der Deutschen Volkspartei (DVP).

Bei den Mai-Wahlen 1924 gewinnen die Rechtsparteien enorm an Stimmen. (DNVP, Deutschland: 1920 / 1924 Mai, 1924 Dez.: 15,1 / 19,5 / 20,5). Im Wahlkreis Merseburg erhält der Völkisch-soziale Block (VSB) 61 756 Stimmen. (SPD = 110 963) Für ihn entscheiden sich in Naumburg 27,5 Prozent (=  4 328 Bürger). VSB und Deutschnationale Volkspartei (DNVP) vertreten zusammen 58,5 Prozent der Bürger. Im regionalen Raum ist Option der DNVP als Bündnispartner der NSDAP wahltechnisch wie inhaltlich bereits klar erkennbar. Allerdings bleibt es oft unkommentiert.

Bei den Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924 stimmen in Naumburg für die Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP) nur 1 816 Personen (= 10,8 Prozent), aber 40,4 Prozent für die DNVP.

Zum Erfolg der DNVP trug eine geschickte Wahlorganisation bei. „Diejenigen unserer Mitglieder, die aus Gesundheitsrücksichten nicht zur Wahl können,“ annonciert die DNVP am 17. November 1924 im Naumburger Tageblatt,

„bitten wir, sich rechtzeitig zu melden,
damit die Wagen bereitgehalten werden können.“

Plakat der SPD zu den Reichstagswahlen 1924: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie"
Reichstagswahl
. Künstler: Georg Wilke

SPD und DVP können mit ihren Wahlergebnissen die Hoffnungen als gestaltende politische Kraft erhalten. Ein Vergleich der Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 ergibt: 21,9 / 20,5, / 26,0 Prozent Stimmenanteil für die SPD und 13,9, / 5,7 / 10,7 Prozent für die DVP.

Die Kommunistische Partei (KPD) steigert ihr Ergebnis bei den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 im Wahlkreis Merseburg von einst 10 681 Stimmen im Jahr 1920 auf jetzt 183 721. In Naumburg erhält sie 1 723 Stimmen (= 12,5 Prozent).

Als DNVP-Vorsitzender Oskar Hergt (1869-1967) sich für eine Regierungsbeteiligung aussprach, löste dies eine schwere Führungskrise in der Partei aus. Die Landesverbände leisteten heftigen Widerstand. Deutschkonservative, Völkische und Alldeutsche, die in Naumburg zahlreich vertreten, opponieren permanent gegen ihn. (Vgl. Liebe 1955, 90)

Oskar Hergt wurde am 22. Oktober 1869 als Sohn von Frau Klara Hergt, geborene Teichgräber, und Kaufmann Gustav Hergt in Naumburg geboren. Von 1917/18 war er preußischer Finanzminister und von 1918 bis 1924 Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei.

Aufsehen erregte der Absolvent des Naumburger Domgymnasiums am 16. Januar 1918 als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses mit dem optimistischen Spruch:

"Da wird von der amerikanischen Gefahr geredet. Meine Herren, beruhigen' Sie sich: die Amerikaner können nicht fliegen und nicht schwimmen. Sie werden nie über das große Wasser kommen."

Doch da waren die bereits in aller Stille auf dem europäischen Kontinent gelandet. "Hergt war, seit er dieses grosse Wort gelassen ausgesprochen hatte, der Liebling der Rechten." (Fischart)

1922 kommt Hergt mit angeblich für einen bevorstehenden Aufstand der radikalen Rechten für subversive Zwecke gebildeten geheimen DNVP-Fonds ins Gerede. (Vgl. Heydeloff 385)

Im Wahlkampf macht der studierte Jurist gerne deutschvölkische Avancen und angelt mit fremdenfeindlichen Sprüchen nach Stimmen. Nach der Inflation versprach er den Rentnern eine Aufwertung der Altersbezüge, woran er sich als Reichsjustizminister (1927/1928) nicht mehr erinnerte.

Im Oktober 1928 kandidiert er auf dem DNVP-Parteitag gemeinsam mit Hugenberg, der ihn ansonsten protegierte (vgl. Holzbach 74f.), um den Parteivorsitz - und verliert. Mit Alfred Hugenberg gewinnt der extrem rechte Flügel in der Partei weiter an Einfluss. 1931 geht die DNVP ein Wahlbündnis mit Hitler ein.

 

 

Otto Braun kandidiert zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 als Nachfolger von Friedrich Ebert gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD).

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun.

Reichspräsidentenwahl 29. März 1925, Künstler: Gottfried Kirchbach.

1925: Die grosse
Hindenburg-Mehrheit
in Naumburg

Im Frühjahr 1925 beginnen die Vorbereitungen für die Reichspräsidentenwahlen. Der erste Wahlgang findet am 29. März 1925 statt. Als Nachfolger von Friedrich Ebert kandidiert Otto Braun (SPD) zur Reichspräsidentenwahl gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD), erreicht aber nicht die absolute Mehrheit. In der notwendigen Stichwahl ist nicht zu erwarten, dass ihn Bürger aus dem konservativen, deutschnationalen und deutschvölkischen Lager unterstützen. Er tritt zugunsten von Marx (Zentrum) zurück.

An der ersten Abstimmung beteiligten sich Rund ein Drittel der Wahlberechtigten nicht. "Nach der Beteiligung an den öffentlichen Wahlen kann man das Gefühl der politischen Verantwortlichkeit und Reife eines Volkes beurteilen", analysiert am 25. April 1915 Arthur Graf von Posadowsky-Wehner. Deshalb bedeutet die schlechte Wahlbeteiligung (= 68,9 Prozent) eine unentschuldbare Vernachlässigung der vaterländischen Pflicht. Wer nicht zur Wahl geht ist ein "politischer Deserteur" (Posadowsky-Wehner).

In Vorbereitung auf den zweiten Wahlgang formiert sich der Volksblock aus Sozialdemokraten (SPD), Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Zentrum. Sie kämpft die gegen die Hindenburgfront.

 

 

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht. Aus: Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

 

Die Deutsche Volkspartei (DVP) ist für den Sieger von Tannenberg. In Vorbereitung auf die Wahl lädt die Ortsgruppe Naumburg am 17. April 1925 zur Versammlung in den Rathaussaal (Naumburg) ein. Pastor Zeidler hält die Rede:

„Es kann einem Übel werden von den Wahlen mit dem Parteiengezänk und dem Aufeinanderschieben der Schuld an unserem Elende. … Was verlangen wir vom neuen Reichspräsidenten? Wir brauchen einen Mann für das ganze Vaterland, einen geschulten und bewährten Mann. Marx, der Vorkämpfer für das katholische Zentrum, ist es nicht. … Wir erwarten [von Hindenburg] Ordnung, und das deckt sich mit seinem Geiste. … Wir brauchen einen Staat, der uns Vertrauen einflößt. Bis jetzt ist die Konjunktur Objekt für ein paar Parteimänner. Sie haben den Staat so heruntergewirtschaftet, daß die Arbeiter vergeblich arbeiteten. Die Lappen, die sie verdienten, waren nichts wert für Frauen und Kinder. … Wir brauchen Ordnung für alle Gebiete. Zu was für einem wahnwitzigen Durcheinander ist es im Schulwesen gekommen. …. Parteien müssen sein auf politischem Gebiete. Aber Hurrarufen hier und die Internationale dort, helfen nicht.“ (Wahlausschuss 1925)

"Der deutsche Reichspräsident Hindenburg hurra, hurra", schallt es durch Naumburg. Begleitet von zwei Kapellen bewegt sich ein riesiger Menschenpulk vom Kaiser-Friedrich-Platz durch verschiedene Stadtteile zum Markt. Die Vaterländischen Verbände hatten am Voraband des zweiten Wahlgangs zur Reichspräsidentenwahl zum Fackelzug aufgerufen. Tausende Anhänger der Deutschnationalen, Alldeutschen und Deutschvölkischen sind gekommen und horchen der Rede von Kamerad Loewe über den Sieger von Tannenberg, der (angeblich) auch den Erbfeind im Westen verjagte, zu. Mit der Wahl steht ein Wendepunkt in der Geschichte bevor, sagt der Stahlhelmführer. "Ein strammer Vorbeimarsch vor dem Führer auf der Vogelwiese beendet die eindrucksvolle Feier."

 


Ergebnis der
Reichspräsidentenwahl
vom 26. April 1925

  
 Naumburg Stadt
Naumburg Land
    
 

Hindenburg

12461
19336
  
74,2 %
 

Kandidat der Rechtsparteien

  
 

Marx

3170
4193
  
18,8 %
 
 

Kandidat der DVP, Zentrum und SPD

 

 

Thälmann

1152
1614
  
6,9 %
 
 

Kandidat der KPD

 

 Wahlbeteiligung im Reich 77,6 Prozent
    

Paul Hindenburg wird im zweiten Wahlgang mit 48,3 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Tags darauf titelt der sozialdemokratische Vorwärts:

„Hindenburg von Thälmanns Gnaden“.

"Hindenburg, monarchistischer Präsident einer Republik, die eine republikanisch gesinnte Mehrheit hat? Gellender Wahnsinn! Wahnsinn aus Moskaus Küche." (Vorwärts 27.4.2017)

Die Rechtsparteien können in Naumburg Stadt und Naumburg Land ihren Stimmenanteil im Vergleich zum ersten Wahlgang erhöhen. Hingegen verlieren Thälmann und Marx etwa 10 Prozent der Stimmen. Das Naumburger Tageblatt jubelt über die

"Die grosse
Hindenburg-Mehrheit

unseres Wahlkreises" und fordert: "Scharen wir uns um den getreuen deutschen Ekkehard."

 

Die Präsidentschaftswahlen 1925 stärken die NSDAP. Jürgen Falter (1986, 17, 147) wies statistisch nach, dass der Wahlerfolg der Nationalsozialisten von 1932 mit keinem anderen Ergebnis stärker korreliert als mit der Hindenburg-Wahl von 1925.

 

 

 

Anmerkung: Zu den Vaterländischen Verbände rechnen: Alldeutscher Verband (1891), Deutscher Kolonialverein (1904 gegründet), Deutscher Wehrverein (1911), Jungdeutschlandbund. Nach dem Kriege: Nationalverband Deutscher Offiziere (N.D.O.) (1918), Marine-Offiziersverband, Reichsoffiziersbund, Reichsbund ehemaliger Kadetten, Preußenbund, Deutscher Hochschulring, Deutsche Adelsgenossenschaft, [die Wehrverbände:] Wehrwolf, Bund Oberland, Jungdeutsche Orden, Bund Wiking, Reichsverband der Baltikumkämpfer, Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser. zuruck

 

 

[Aufruf] "An alle Bewohner von Naumburg Stadt und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe". "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. Januar 1923

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht: Aus: Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises. "Naumburger Tageblatt", den 27. April 1925

Falter, Jürgen, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933. Verlag C.H. Beck, München 1986

Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun, Reichspräsidentenwahl 29. März 1925. Künstler: Gottfried Kirchbach. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Fischart, Oskar: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

Heydeloff, Rudolf: Staranwalt der Rechtsextremen. Walter Luetgebrune in der Weimarer Republik. In: Vierteljahres Hefte für Zeitgeschichte. München, 32 (1984) Heft 3, Seite 373 bis 421

Hindenburg von Thälmanns Gnaden. Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei. Berlin, den 27. April 1925

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

Liebe, Werner: Die Deutschnationale Volkspartei 1918-1924. Droste Verlag, Düsseldorf 1956

Naumburg am Wahltage. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 8. Dezember 1924

Naumburg im Kerzen und Fackelschein. "Naumburger Tageblatt", den 29. April 1925

Öffentliche Volksversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. Januar 1923

Posadowsky-Wehner, Arthur Graf von: Wahlbeteiligung ist politische Reife. "Naumburger Tageblatt", den 25. April 1925

[Spahn, Martin] Reichstagsabgeordneter Martin Spahn in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 25. Januar 1925

Sieg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. Arpril 1925

Wahlausschuss Hindenburg. Vortrag des Pastors Zeidler aus Holzhausen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 20. April 1925

 

Plakat Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie. Reichstagswahl 4. Mai 1924 oder 7. Dezember 1924. Künstler: Georg Wilke. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Friedrich Ebert Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005. Aktualisiert: 18. Juni 2008
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