Doktor Georg Schiele (Naumburg)

 

zurück
Georg Wilhelm Schiele
(1868-1932)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doktor Georg Wilhelm Schiele  nach unten

"Ein Volk", so die politische Überzeugung von Georg Schiele (1910, 7), "das sich wirklich selbst verwalten will, muss sich eine Aristokratie schaffen." Hier "geheime Wahl, Demokratie, Despotismus" und hier "öffentliche Wahl, Aristokratie und Freiheit". "Nun, deutsches Volk, wähle …" Den Stadtverordneten, Landtags- und Reichstagsabgeordneten, hohen Funktionär der Vaterlandspartei und Deutschnationalen Partei leitet eine aristokratische Demokratieauffassung. Als Propagandaredner, Leitartikler und politischer Schriftsteller war er vom Kampf des Kapitalismus gegen den Sozialismus (und Kollektivwirtschaft) erfüllt. Sein politisches Denken baut er um die Kategorien freier Markt, Opfertod, Vaterland, Scholle und freiwilliger Arbeitsdienst. Das Wohl des Vaterlandes stand für ihn stets über dem individuellen Glücksanspruch des Bürgers.

Friedensstraße (2006)
Naumburg

 

 

Georg Wilhelm Schiele, Naumburg, Friedensstraße 7E (1930), wurde am 17. November 1868 in Naumburg (Saale) geboren. Der Vater war der 2. Dompredigers D. thelog. Friedrich Michael Schiele. Cousin Martin Schiele (1870-1939) ist Reichsinnenminister (1925) und Reichsernährungsminister (1927/28, 1930 bis 1932). Von 1878 bis 1887 absolviert Georg Schiele das Naumburger Domgymnasium. Anschliessend folgt ein Studium an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten Jena, München, Halle und Berlin. In Seehausen und am Diakonissenhaus in Halle erwirbt er seine ersten Erfahrungen als approbierter Arzt. 1903 öffnet er eine Arzt-Praxis in Naumburg (Saale). Von 1905 bis 1909 ist er Stadtverordneter in Naumburg. 1912 gründet er die Gesellschaft zur Förderung der Inneren Kolonisation mit.

Er ist Vater von zwei Söhnen und Vormund von fünf weiteren Kindern (1918).

 

Über Einwanderung, Ausländer, Weltindustrie und -beute

1911 wirbt Georg Schiele (1911, 406) im Aufsatz Schicksalsstunde der deutschen Landwirtschaft für die innere Kolonisation und Sesshaftmachung der Landarbeiter, weil kein Menschenüberschuss, sondern Menschenmangel besteht.

Als junger Arzt sieht er 1894 in der Altmarkt "die schwarzen Horden russisch-galizischer Arbeiter Sonntags an den Straßenecken stehen und alltags auf den Feldern ihr Tagwerk verrichten." "Die Ausländischen können ihre Arbeit unter dem Preis der Einheimischen anbieten", weshalb er "den Schutz der deutschen Arbeit gegen die Unterbietung des Auslandes" fordert.

"Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden", wird ihm 1911 in Die Schicksalsstunde der deutschen Landwirtschaft bewusst.

Lange vertritt Schiele die Auffassung, "… sie nähmen den Einheimischen ihr Brot weg und seien schuld an der Verödung des Landes in volkischer Hinsicht." "Aber ich musste", schreibt er, "bald einsehen, dass der Kausalzusammenhang umgekehrt ist. …. erst ziehen die Einheimischen fort und dann kommen die Fremden herein." Er warnt vor dem Ausländer: "Mehr noch jagt den deutschen Arbeiter aus dem Lande die ästhetisch und ethische Unkultur der ausländischen Arbeiter. .... Das untere Volk ist gegen die Kulturunterschiede mindestens ebenso empfindlich wie die oberen Stände, aber wehrloser." (Schiele 1911, 405/406, 407, 411)

Schiele sorgt sich um die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Von "dem Aufglühen der Weltwirtschaft", von der "Weltbeute" verstand es das deutsche Volk "einen guten Teil an sich zu nehmen", worauf "wir stolz sein" können. Deshalb dürfen wir "die Entwicklung unserer Weltindustrie" nicht aufhalten.

 

 

 

Generaloberst Martin Wilhelm Remus von Woyrsch (1847-1920), 14.12.1914 Oberbefehlshaber Armee-Abteilung Woyrsch, 29.8.1916 Oberbefehlshaber Heeresgruppe Woyrsch.

 

Im Krieg

Gleich nach Beginn des Ersten Weltkrieges meldet sich Schiele zum Dienst in das Landwehr-Infanterie-Regiment 46 der Armeeabteilung Woyrsch. Danach erfolgt sein Einsatz als Chirurg im Landwehr-Feldlazarett 22. Ihm wird die Auszeichnung Eisernes Kreuz II. Klasse zuteil.

 


Die russische Gefahr (Georg Schiele, Februar 1915)

Zwischen Georg Schiele, Wolfgang Kapp und Alfred Hugenberg bestehen seit dem Beginn des Krieges enge persönliche Kontakte. Sie entsponnen sich wahrscheinlich um seine Aktivitäten im Alldeutschen Verband, die Mitarbeit in der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation (1912) und die Publikationstätigkeit im Die Grenzboten (Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, erschienen von 1841 bis 1922),

Mit dem Kauf des Scherls Verlag und der Telegraphen-Union beginnt der Aufbau des Hugenberg-Konzerns, ein Konglomerat aus Verlagen, Zeitungen, Nachrichten- und Werbeagenturen sowie Filmgesellschaften. Als Hugenberg am 25. April 1916 den Vorsitz im Scherl Verlag übernimmt, besteht ein gesteigertes Bedürfnis nach geeigneten und politisch talentierten Personal. Erst im Februar 1915 leistete Georg Schiele (1915, 10-12) einen Beitrag zur imperialen Kriegszielpolitik, in dem er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf

die russische Gefahr.

lenkt. Es ist die "größte Gefahr unserer Zukunft", die sich hinter unserem Rücken erhebt. Deshalb darf es "Mit Russland" "erst ein Bündnis geben, wenn Russland kleiner geworden ist. … Wir müssen für die Zukunft seine Angriffsfähigkeit schwächen." Deshalb dürfen wir Russland nicht nach Ostpreussen lassen. Denn der Besitz von Ostpreussen wäre für Russland doppelt soviel wert, wie Konstantinopel und der ganze Balkan zusammengenommen.

 

 

Kapps engster Mitarbeiter

Als "Kapps engster Mitarbeiter" unternimmt Georg Schiele 1916 einen Vorstoß bei Alfred Hugenberg. Sein Chef denkt seit Dezember 1915 über den Aufbau einer eigenen deutschnationalen Zeitung nach. Mit Das größere Deutschland, Wochenschrift für Deutsche Welt- und Kolonialpolitik, ist er unzufrieden. Zwar gilt sie überall als scharf, in Wahrheit aber lenkte sie von den realpolitischen Gebietserweiterungen ab. In einer Denkschrift schlägt Schiele jetzt die Schaffung einer "Presse- und Propaganda Zentrale" nationaler Richtung vor, um der allgemeinen Kriegsmüdigkeit einen "überragenden Führerwillen" entgegenzustellen und den flaumachenden Tendenzen von Regierung und Demokratie zu begegnen. Die Pläne blieben ungehört. Im April 1917 gelingt es die Zeitung Deutschland Erneuerung ins Leben zu rufen. Als Herausgeber treten auf: General Otto Ernst Vinzent Leo von Below, Houston Stewart Chamberlain, Heinrich Class, seit 1908 Vorsitzender des Alldeutschen Verbands, Professor Eberhard Geyer (Wien), Anthropologe, Doktor Georg Schiele und andere. Die Monatshefte für das deutsche Volk kämpfen für die Erneuerung des Deutschtums, gegen alles Undeutsche und die Entartung. Sie wollen die Reinhaltung der deutschen Familie. "Hoch über allem" stehen die Begriffe "Vaterland und Rasse". Schiele drängt konzeptionell auf eine großzügige Sozialpolitik. Die Schaffung dieses Presseorgans ist möglichweise als Vorbereitung für eine neue Parteigründung zu sehen, für die der Naumburger 1916 die Namen "Konservative Mittelstandpartei" oder "Konservative Bürgerpartei" im Kopf vorhält. (Vgl. Hagenlücke 102-103, 106-107)

 

 

Deutsche Vaterlandspartei

Eine sozialdemokratische, katholische und linksliberale Mehrheit will den Verständigungsfrieden und verabschiedet am 19. Juli 1917 im Reichstag die Friedensresolution. Als Antwort gründen am 2. September 1917 Wolfgang Kapp (1858-1922), Alfred von Tirpitz (1849-1939) und Alfred Hugenberg (1865-1951) die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP). Unterstützung erhalten sie von Carl Duisberg, Emil Kirdorf und Hugo Stinnes. An Geld mangelt es ihnen nicht. Beispielsweise gehen Schiele im September 1918 über das Bankhaus F. W. Krause von Kapp 10 000 Reichsmark zu. Ehrenvorsitzender der Partei ist Johann Albrecht zu Mecklenburg (1857-1920), Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft und Mitbegründer des Alldeutschen Verbandes. Öffentlichkeitswirksam baut die DVLP Ludendorff und Hindenburg als Volkskaiser auf. Friedensverhandlungen zur Beendigung des Krieges lehnt sie ab. Die Partei will die Annexion von Belgien, Holland, von Teilen Frankreichs, Polen und der Ukraine. Ihr Ziel ist der Siegfrieden. Nur die Trümpfe der Strategen - Skagerrak-Schlacht 31. Mai / 1. Juni, uneingeschränkter U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe beginnend am 22. Februar 1915 und zwei Offensiven in Frankreich - stechen nicht. Und trotzdem spielte man auf Gewinn und diskreditiert die Friedensresolution des deutschen Reichstages als Verzichtfrieden (Hindenburg). Ihre Gegner (Sozialdemokraten, Zentrum, Liberale) nennen ihn Hindenburg-Frieden und wollen eiien Frieden der Verständigung (Fehrenbach). Innenpolitisch plant die DVLP den Burgfrieden mit der SPD aufzukündigen. Ihr Gegenentwurf zur Parlamentarisierung ist ein Militärstaat.

Georg Schiele übernimmt in der Vaterlandspartei die Aufgabe des Hauptgeschäftsführers. "Ich stand in regem Gedankenaustausch mit Kapp seit langen Jahren, und selbstverständlich ist der Verkehr nach dem Jahre 1918 nicht geringer geworden," sagt er als Angeklagter im Jagow-Prozess vor dem Reichsgericht in Leipzig 1921. Kapp wiederum stand in enger Verbindung mit Alfred Tirpitz, Ulrich von Hasell und Erich Ludendorff. Die ersten Gespräche über die Gründung der Partei führte Kapp zum 1. Programmentwurf am 14. Juli 1917 jedoch mit Georg Schiele.

Um die Partei zu stabilisieren, beruft Wolfgang Kapp für den 12. November 1918 eine Konferenz ein. Eingeladen ist neben Gottfried Traub, Konrad von Wangenheim und vielen anderen, auch Georg Schiele. Die Revolution überrollt das Vorhaben.

Trotzdem bemüht sich Schiele im November / Dezember weiter darum, eine neue bürgerliche Partei zu gründen, die das Erbe der Vaterlandspartei antreten soll. Konservative und Liberale sollen in ein einheitliches Heer Zusammentreten, teilt er in einem Brief an Gottfried Traub mit. Ihm schwebt eine "Vereinigte liberal-konservative Volkspartei" vor.

Für den 10. Dezember 1918 beruft der DVLP-Vorstand den Reichsausschuss ein. Der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Kapp stellt die politische Lage in düsteren Farben dar. Er beauftragt Gottfried Traub, zusammen mit seinen Freunden Doktor Georg Schiele und Doktor Nieber, die Partei mit ihren etwa 1 250 000 Mitgliedern aufzulösen. Traub und Georg Schiele rufen gemeinsam mit anderen Gesinnungsfreunden alle bürgerlichen Kreise, die nicht zum Berliner Tageblatt gehören wollen, auf, sich der Deutschnationalen Volkspartei anzuschließen. (Vgl. Henrichs 254-255)

Gottfried Traub (1869-1956) und Georg Schiele verbinden harte nationalkonservative und vaterländische Attitüden, wie: Deutsche Kriegstote sind "Samen für den Acker". "Die Toten wollen uns segnen. Wir müssen uns segnen lassen. Segnen aber heißt Kraft spenden und nicht Kraft nehmen. Unsere Toten auf dem Schlachtfeld nehmen uns die Stärke nicht, sie schenken sie uns." (Traub)

Gottfried Traub besuchte am 26. Oktober 1918 eine öffentliche Kinovorstellung. An diesem Tag war gerade Ludendorff entlassen worden. Man jubelte vor Freude, worauf, wie er berichtet, ihn das Entsetzen packte. (Vgl. Henrichs 92, 251)

 

 

Nationale Vereinigung

Im Spätsommer 1919 gründen Hauptmann Waldemar Pabst, Wolfgang Kapp und Oberst Max Bauer, politischer Berater von General Erich Ludendorff, die Nationale Vereinigung. Sie wollen eine "Einheitsfront aller Nationalgesinnten" herstellen. Im Klartext heisst dies Unterbindung von Streiks und Protesten, besonders aber von linken Aufständen. Als Hauptgeschäftsführer stützt sich Pabst auf das Organisationsgerüst der Vaterlandspartei. Zum Führungskreis der Vereinigung gehören Georg Schiele, Gottfried Traub, Ignatz Trebitsch-Lincoln, Schnitzler und Friedrich Grabowsky. Über Kapp und Traub, die im Hauptvorstand der DNVP, unterhält die Vereinigung direkte Verbindung zu den Führern der rechtsoppositionellen Parteien und zu den im Berliner "Nationalen Klub" seit Oktober 1919 zusammengeschlossenen Bankiers, Industriellen, Ministerialbeamten und Großgrundbesitzern, wo Traub als 1. Stellvertreter im Präsidium fungierte. (Nach Akten 2.10.1919)

 

 

Deutschnationale Volkspartei

Zusammen mit Alfred Hugenberg, Hugo Stinnes, Ernst Graf zu Reventlow und anderen sitzt Schiele 1919 im Vorstand des Berliner Nationalklubs. Aus ihm rekrutiert sich eine deutschkonservative Gruppe, die in Verein mit mehreren Freikonservativen, Christlich-Sozialen und Deutschvölkischen am 22. November 1918 die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ins Leben ruft (vgl. Holzbach 73). Ihre Hauptakteure sind Alfred von Tirpitz, Wolfgang Kapp, Friedrich Winkler, Kuno Graf von Westarp und ihr erster Vorsitzender Oskar Hergt. Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich hier vor allem die Kreise der ehemaligen Freikonservativen Partei, der Christlich-Sozialen Partei und der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei. Ihre Erzählung über die Kriegskatastrophe handelt von der Dolchstoßlegende und den Novemberverbrechern. In der Partei setzt sich der völkische Flügel durch. Im Grundsatzprogramm bekundet sie eine antisemitische Grundhaltung. Man kämpft jetzt gegen den zersetzenden, undeutschen Geist von jüdischen und anderen Kreisen. Von 1919 bis 1928 erhöht sich die Zahl ihrer Mitglieder von 300 000 auf 696 000.


Deutsche Volkspartei, Ortsgruppe Naumburg

Vorsitzender
(von 1920-1932):
Landgerichtsrat Lohmeyer, Jenaer Str. 6b

 

Bemühungen der DNVP mit der im Entstehen begriffenen Deutschen Volkspartei von Stresemann zusammenzuschliessen scheitern. Der führt zu diesem Zeitpunkt Fusionsverhandlungen im Sinne der Einigung des liberalen Bürgertums mit den Demokraten. Die Deutsche Volkspartei beharrte auf der Selbständigkeit, weshalb die Vereinigung der Rechten nicht zustandekommt. (Vgl. Hagenlücke 387-388)

Dem erweiterten DNVP-Parteivorstand gehört Schiele als Vertreter des völkisch-alldeutschen Flügels nicht an.

Bei der Gründung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in Naumburg übernimmt Georg Schiele eine aktive Rolle.

Als Ortvorsitzender (1926) und Landesvorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) leistet er, wenn man die numerischen Wahlergebnisse zum Kriterium der Wahrheit erhebt, in der Naumburger Wählerschaft eine erfolgreiche Arbeit. Von 1917 bis zu seinem Tod 1932 prägt er mit seiner Partei das politische Klima der Stadt. Zwei schlimme Fresser, der deutsche Sozialismus und der französische Militarismus, bereiten Schiele in den zwanziger Jahren Kummer. Auf der DNVP-Versammlung am 28. April 1924 im Schützenhaus wendet er sich gegen die Erfüllungspolitik.

In der 5. Wahlperiode, vom September 1930 bis Juli 1932, übernimmt er für die Deutschnationalen im Reichstag ein Abgeordnetenmandat.

Pfarrer Traub würdigt am 14. Oktober 1932 im überfüllten großen Ratskellersaal auf der Trauerfeier zu Ehren von Georg Schiele seine Leistungen bei der Gründung der DNVP:

"Als das Jahr 1918 den Zusammenbruch Deutschlands gebracht habe, sei Schiele wieder in erster Front gewesen, als ein Aufruf zum Zusammenschluss zur DNVP erging. Zu den ersten Vorkämpfern, wie Pfannkuche, Maurenbrecher, zur Sammlung der nationalen Rechten habe Schiele sich bekannt …. Besonders habe Schiele sich damals darum bemüht, dass  n i c h t   e i n e   z w e i t e   n a t i o n a l e   Partei wie die Deutsche Volkspartei sich gründe, doch sei dieses bei den damaligen Verhandlungen im Hotel Continental in Berlin [Dezember 1918] gescheitert: Graf Westarp sei bereit gewesen, auf Schieles Rat einzugehen, doch Stresemann habe den Vorschlag abgelehnt." (Gedächtnis 1932)

 

Vergeblich bemüht sich der Herausgeber von Deutsche Volkswirtschaftliche Correspondenz (DVC), die von Alfred Hugenberg subventionierte wird, im Juni 1920 um ein Reichstagsmandat. Im gleichen Jahr wird er Mitarbeiter der Telegraphen-Union, wo er die DVC einbringt. (Vgl. Holzbach 70, 117)

 

 

Naumburger Briefe

National bekannt werden die von Georg Schiele herausgegebenen

Naumburger Briefe

zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit sowohl in unserer Volkswirtschaft wie im Verkehr der Völker.

Der erste erscheint 1917. Weitere folgen. Sie befassen sich mit wirtschafts-, innen- und aussenpolitischen Fragen vom Standpunkt der völkisch-nationalistischen Ideologie und schlagen die Brücke zu einflussreichen Vertretern der Landwirtschaft und dem Reichslandbund. (Vgl. Schmitz 55)

In deutschnationalen und -völkischen Kreisen gilt Schiele als Wirtschaftsexperte. "Herr von Wangenheim und [Georg] Schiele waren mir aus dem Krieg bekannt," erteilt General Erich Ludendorff im Jagow-Prozess (73) dem Reichsgericht in Leipzig 1922 Auskunft. "Sie haben mich dort in Wirtschaftsfragen aufgesucht und haben mit seltener Bestimmtheit vorausgesagt, wohin uns die Zwangswirtschaft, besonders in der Landwirtschaft führen wird."

Für den Rassentheoretiker und Antisemiten Ludwig Schemann (1852-1938) war der Arzt und Schriftsteller aus Naumburg "ein höchst regsamer, urgesunder Denker, der seine von tiefer Überzeugung und echt deutschem Fühlen getragenen Anschauungen auf den verschiedensten Wegen, in Broschüren, Zeitschriften und Vorträgen zur Geltung zu bringen suchte." "Seine Hauptschriften sind alle mehr oder minder Ausführungen der Kappschen Grundgedanken und enthalten auch in irgendeiner Form seine Huldigung für den Meister ..." (1937)

Im Übrigen standen viele Experten und Politiker Schieles Schriften ablehnend gegenüber. "Ein schwärmerischer Knabe," urteilt Arno Voigt 1922, "der über Menschen, Mond, Sonne, Landwirtschaft, Geldtheorie und natürlich auch unmittelbar nach empfangener Aufklärung über Malthusianismus seine Systeme schrieb, weil er die Tinte nicht halten kann."

Nach dem Tod von Georg Schiele 1932 teilt Sohn Ernst Schiele die Einstellung der Naumburger Briefe mit.

 

 

Veröffentlichungen von Georg Wilhelm Schiele (Auswahl):

Über den natürlichen Ursprung der Kategorien Rente, Zins und Arbeitslohn (1908), Briefe über Landflucht und Polenfrage (1908), Zur Wohnungsfrage (1911), Gedanken über die Stellung des Haus- und Grundbesitzes (1912), Ueber innere Kolonisation und städtische Wohnungsfrage (1913), Wenn die Waffen ruhen! (1916), Fragen der Kriegsernährungspolitik (1917), Überseepolitik oder Kontinentalpolitik (1917), Der Ernährungssozialismus in der Verteidigung (1918), Einiges vom Tauschen und Handeln und andere Naumburger Briefe zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit (1918), Wirtschaftskrieg (1918), Wie der rechte deutsche Arbeiterfrieden aussehen muß (1918).

 

 

 

Kapp-Putsch

Im März 1920 ist Georg Schiele am Unternehmen Wilhelmstrasse beteiligt. "Neben [Gottfried] Traub, .... darf er", nach Karl Ludwig Schemann, "wohl als treuester unter Kapps Anhängern bezeichnet werden." (1937, 115) Wolfgang Kapp will ihn als Wirtschaftsminister für sein Kabinett. "Was das für Fachminister sind, die uns die Reaktion bescheren würde," darüber klärt Reichskanzler Gustav Bauer am 18. März 1920 in Stuttgart die Öffentlichkeit auf,

"das zeigt doch, glaube ich, am besten die Berufung des .... weltfremden, naiven Tagesschriftsteller Schiele, eines Mannes, der die doktrinärsten Ideen während des Kriegs vertreten hat, der von keinem Volkswirtschaftler ernst genommen wurde. Er ist an die Spitze des Wirtschaftsministeriums gestellt worden." (Bauer 74)

Der Putsch scheitert.

Viele verliessen zu früh die Fahne, nicht der Arzt aus Naumburg, erinnern sich später Mitstreiter von Kapp. Als das Scheitern des Putsches zur Gewissheit wurde, flieht Schiele nach St. Wolfgang (Österreich). "Dr. Schiele ist mit verschiedenen falschen Pässen teils im Inlande, teils im Auslande, u. a. in Ungarn aufgetaucht. Am 11. Oktober 1921 wurde er auf Grund des gegen ihn bestehenden Haftbefehls bei dem Versuch, die deutsch-österreichische Grenze auf bayerischem Gebiet zu überschreiten, festgenommen. Gegen eine Sicherheit von 100 000 Mark ist auch er dann auf freiem Fuß belassen worden." (Brammer 1922, 6)

Am 7. Dezember 1921 beginnt vor dem Vereinigten II. und III. Strafsenat am Reichsgericht in Leipzig der Jagow-Prozess. Ein Angeklagter ist Georg Schiele aus Naumburg. "Ich war der Meinung," sagt er den Richtern, "dass bei einem zweiten Vorstoss der Revolutionäre das Bürgertum diesmal nicht abseits stehen, sondern sich ganz energisch seiner Haut wehren würde." (Brammer 1922, 71)

 

 

Das Konzept vom freien Markt

In der Schrift Pax oeconomica (1922) erneuert Georg Schiele das Konzept vom freien Markt. Deutschland kann seiner Überzeugung nach nur auf Grundlage des freien Marktes gedeihen. Ursache für die wirtschaftliche Krise ist die staatlich gesteuerte Zwangswirtschaft. Sie brachte grosse Not über die Heimat. Selbst die staatlich organisierte Brotversorgung in Preußen ist nach Schiele von einer verhängnisvollen demoralisierenden Wirkung. Die Wirtschaftsweise des "falschen Sozialismus" entstand mit der Revolution und führt zum Zusammenbruchs der Volkswirtschaft. Die Zwangswirtschaft ist nicht der richtige Weg. Siegen müssen die Gesetze des Marktes, des Wettbewerbs und der natürlichen Preisbildung. Georg Schiele kündigt an: "Wir werden in allen Ständen wieder aufhören sozialistisch, planwirtschaftlich, gemeinwirtschaftlich (im falschen Sinne) zu denken und wieder anfangen liberal, d.h. richtig ökonomisch zu denken. "Es ist aber nicht nur der irrende Sozialismus der Lohnarbeiterschaft, welcher diese Verwirrung angerichtet hat. Sondern viel gefährlicher noch ist die Planwirtschaft, die hemmungslose Protektionspolitik, die Rationierung des Marktes, die Organisationswut der Unternehmer. …. was nutzen steigende Löhne, wenn der Arbeiter als Verbraucher verhungert? was nutzen steigende Kohlenpreise, wenn der Verbrauch dabei zusammenbricht? Arbeitergewerkschaften und Syndikate sind gleich schlimme Brüder gegen sich selbst und uns alle.

Was wir brauchen ist: freier Markt."

1925 schaltet sich der Arzt und DNVP-Politiker in die Debatte über den Arbeitsdienst ein.

 

 

Gesellschaft der Freunde der Artamanen e.V..

Am 11. Juli 1926 gründet Georg Schiele zur Unterstützung der schaffensfrohen Jugend, welche einen freiwilligen Arbeitsdienst auf dem Lande verrichten will, die Gesellschaft der Freunde der Artamanen e.V.. Den damit zusammenhängenden Fragen widmet er den Naumburger Brief  zum Thema Zur Siedlungsfrage (1926) und Mitkämpfer. Über Artamanen und freiwilligen Arbeitsdienst (1928). Die Gesellschaft zählt 1928 50 Einzelmitglieder mit 64 Kooperationen (Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, Vertreter der Zuckerfabriken, Landbund, Vereinigung der landwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände der Provinz Sachsen und andere). Sie stellen der Bewegung bis 1929 insgesamt 75 000 Reichsmark zur Verfügung.

In der Provinz Sachsen verkörpern die Artamanen im Zeitraum von 1924 bis 1929 mit 98 Einsatzstellen eine vergleichsweise starke Bewegung. In Pommern bestanden 26, in Schlesien 52, in Thüringen 43 und in Hessen nur 11 Einsatzstellen. (Vgl. Schmitz 51) Es ist das Terrain der extremen politischen Rechte, die besessen von der Idee, den Menschen zum Zweck der Volksgesundung an den Boden zu binden. Ihre Vorgeschichte beginnt in der Bündischen Jugend. Unterstützung erhält die Bewegung aus einem Förderkreis, der vor allem aus Großagrariern besteht. Ihre Essentials lauten: Wiederherstellung der Ehre und Achtung der landwirtschaftlichen Arbeit, Kampf gegen die Landflucht, Ersatz und Verdrängung der polnischen Wanderarbeiter auf den mittel- und ostdeutschen Rittergütern, Selbsthilfe der Jugend gegen die Arbeitslosigkeit und Förderung des Siedlungsgedankens. (Vgl. Benz 328) Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zur Forderung nach Besiedlung des Ostens und der Blut- und Bodenideologie. Heinrich Himmler notiert 1921 in sein Tagebuch: "Das weiß ich bestimmter jetzt als je, wenn im Osten wieder ein Feldzug ist, so gehe ich mit. Der Osten ist der (?) Wichtigste für uns (...) Im Osten müssen wir kämpfen und siedeln."

 

 

Die Initiative gegen den Young-Plan

Georg Schiele kommt, erinnert sich Alfred Hugenberg (vgl. Gedächtnis), die Idee einen Volksentscheid gegen die Verabschiedung des Youngplans durchzuführen. Der Präsident der internationalen Sachverständigenkommission Owen D. Young (1874-1962) wollte damit Deutschlands Reparationszahlungen abschliessend regeln. Für einen Erfolg des Volksentscheids müssten fünfzig Prozent aller Wahlberechtigten mit Ja stimmen. Bei der Abstimmung am 22. Dezember 1929 erhalten die Rechtsparteien lediglich 15 Prozent der Stimmen. In Naumburg (Saale) fällt das Ergebnis erwartungsgemäß etwas günstiger aus. Von den 26 467 Wahlberechtigten geben 8 910 Personen (34 Prozent) ihre Stimme ab. Mit Ja stimmen rund 8 493 Bürger. Schliesslich wird der Youngplan, der den Dawesplan von 1924 ablöst, am 18. März 1930 vom Deutschen Reichstag verabschiedet.

 

 

Die Wettiner Rede

Eine enge Zusammenarbeit pflegt Georg Schiele mit dem Stahlhelm. 1927 tritt er auf der Führertagung des Bundes der Frontsoldaten in Naumburg auf. Eine Zäsur setzt seine Wettiner Rede von 1930, die seinen Weg in den Faschismus vorzeichnet.

 

Als Reichstagsabgeordneter hält er am 1. Mai 1932 in Bad Oeynhausen vor der Jahresversammlung des Westfälisch-Lippischen Wirtschaftsbundes eine Rede. Unter dem Thema Freie oder gebundene Wirtschaft sieht er die Ursache der Krise in der "Verstärkung des kollektiven und sozialen Staates". Deshalb müssen wir, fordert er, zurück "zum System der Privatwirtschaft".

 

Am 28. September 1932 stirbt Georg Wilhelm Schiele in Naumburg (Saale).

 

nach oben

 

 

Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik - Das Kabinett Bau, Band 1, Dokumente, Nr. 71. Bericht des Preußischen Staatskommissariats für die Überwachung der öffentlichen Ordnung über gegenrevolutionäre
Bestrebungen. [2. Oktober 1919], Seite 281-284. http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei1919-1933/cocoonAdR/AdR/0000/bau/bau1p/kap1_2/para2_72.html

[Bauer] Rede des Reichskanzler Bauer in am 18 März 1920 in Stuttgart. In: Karl Brammer: Fünf Tage Militärdiktatur: Dokumente der Gegenrevolution. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1920, Seite 72 ff.

Brammer, Karl: Fünf Tage Militärdiktatur. Dokumente der Gegenrevolution. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1920

Brammer, Karl: Verfassungsgrundlagen und Hochverrat. Beiträge zur Geschichte des neuen Deutschlands. Nach stenographischen Verhandlungsberichten und amtlichen Urkunden des Jagow-Prozesse. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1922

[Bund der Kriegsgeschädigten. Information über einen Vortrag von Dr. Georg Schiele] Militärische Sicherheiten. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. Januar 1918

Fischart, Oskar: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

[Gedächtnis] Dr. Georg Wilhelm Schiele zum Gedächtnis. "Naumburger Tageblatt," Naumburg den 18. Oktober 1932

Hagenlücke, Heinz: Deutsche Vaterlandspartei. Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V., Bonn. Droste Verlag, Düsseldorf 1997

Henrichs, Willi: Gottfried Traub. Liberaler Theologe und extremer Nationalprotestant.
hartmut spenner, waltrop 2011

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

Kirsche, Hans-Gert: Der Primanerkreuzgang. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Schemann, Ludwig: Wolfgang Kapp und das Märzunternehmen vom Jahre 1920. J. F. Lehmanns Verlag München, Berlin 1937

Schiele, Dr. Georg: Freiheit, die ich meine! Streitsätze über das Wahlrecht. Verlag der Deutschen Zeitungs-Verlags-Anstalt A.-G. Berlin W 15 Fasanenstrasse 41, 1910

Schiele, Georg: Die Schicksalsstunde der deutschen Landwirtschaft. In: Die Grenzboten. Heft 22, 1912, Seite 405 bis 414. Auch in: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst (1841-1922). Zweites Vierteljahr, Deutscher Verlag, Berlin 1841-1921, Seite 405 bis 413

Schiele, Georg Wilhelm: Die russische Gefahr (Februar 1915). In: Überseepolitik oder Kontinentalpolitik. J. F. Lehmann, München 1917, Seite 9 bis 12

Schiele, Dr. Georg Wilhelm: Marktfreiheit und Freizügigkeit. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 19. Februar 1919

Schiele, Dr. Georg Wilhelm: Pax oeconomica. Naumburger Briefe. Zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit sowohl in unserer Volkswirtschaft wie im Verkehr der Völker. Gegründet 1917. Neue Folge, Jahrgang 1922, Heft 4, Juli 1922, Verlag Dr. Schiele, Naumburg a. d. Saale, Friedenstraße 7

Schiele, Georg: Freiwilliger Arbeitsdienst im Limbacher Beispiel. Naumburger Briefe. Zur Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit sowohl in unserer Volkswirtschaft wie im Verkehr der Völker. Gegründet 1917. Neue Folge, Jahrgang 1925, Heft 2, Verlag Dr. Schiele, Naumburg a. d. Saale, Friedenstraße 7, Februar 1925

Schiele, [Georg Wilhelm]. "Mitteldeutsche Zeitung", Nr. 153, Halle, den 1. Juli 1928

Schiele, Georg Wilhelm: Was gebietet der Frontgeist angewendet auf praktische Politik. Naumburger Wahl-Flugschriften 1928

Schiele, Georg Wilhelm: Schwarz-weiß-rot als Symbol. Naumburger Wahl-Flugschriften 1928

Schiele [Georg Wilhelm]: Warum Volksbegehren?. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Oktober 1929

Schiele, Dr. Georg: Deutsche Krise und deutsche Zukunft. Die soziale Sendung des Stahlhelms. Erster Schulungskurs der Stahlhelm Selbsthilfe. Halle a. S. 1931

Schiele, Georg Wilhelm: Freie oder gebundene Wirtschaft. Vortrag, gehalten am 1. Mai 1932 in Bad Oeynhausen auf der Jahresversammlung des Westfälisch-Lippischen Wirtschaftsbundes, Gebauer-Schetschke Druckerei und Verlag A.- G., Halle (Saale) 1932, Seite 33

Schmitz, Peter: Die Artamanen. Landarbeit und Siedlung bündischer Jugend in Deutschland 1924-1935. Verlag Dietrich Pfaehler 1985

[Schöbel/Everling] Aus der Parteibewegung. Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 14. April 1932. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. April 1923

Dr. Schöbel [, Wolfgang]: Mitgliederversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 10. Juli 1931. "Naumburger Tageblatt", Naumburg 14. Juli 1931

[Schöbel/Doehring] Aus der Parteibewegung. Öffentliche Versammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 20. April 1932. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 23. April 1932

Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot. Mitteldeutsche Wahlzeitung, Nummer 1, 22. November 1924, Seite 3

Voigt, Arno: Bilder vom Jagow-Prozess. Die Weltbühne, 18. Jahrgang, 12. Januar 1922, Heft Nummer 2, Seite 31 ff.

Autor: Detlef Belau


Geschrieben:
8. Juni 2010

zurück