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Blick auf die Ecke Bergstraße - Spechsart, links etwas verdeckt das Jägerdenkmal (2009)
 
Jägerdenkmal (2009). Das Denkmal entwarf Stadtbaurat Friedrich Hossfeld und wurde von Steinbildhauer Karl Kruschwitz (Naumburg) ausgeführt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Symbol des Vergessens!

Einweihung des Jägerdenkmals am 1. Juli 1923

 

Allzu große Hoffnungen sollten wir auf die deutsche Kultur- und Wissenschaftselite nicht setzen. Ihre politische Urteilsfähigkeit erwies sich bereits 1914 zu nahe am Geist des Staates, befangen in der Staatsdoktrin. Im Aufruf an die Kulturwelt! vom 4. Oktober 1914, erklären 93 deutsche Intellektuelle: Deutschland hat den Krieg nicht verschuldet, die Neutralität Belgiens nicht verletzt und kein Völkerrecht gebrochen. Unter denen, die keine Lüge scheuten, wie der Wiener Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) feststellte, sind Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, Max Klinger, Max Reinhard, Fritz Haber, Max Planck, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Friedrich Naumann und der Pfortenser Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Hans Delbrück (Historiker, Berlin), David Hilbert (Mathematiker, Göttingen) und Albert Einstein (Physiker, Berlin) unterzeichneten das Manifest chauvinistischer Denkkultur nicht.

Wie stellt sich das Naumburger Establishment zur jüngsten Geschichte?

 

Der Platz an der Sonne

Emil Kraatz

Naumburg war lange Zeit eine Beamten- und Gerichtsstadt, die ab 1890 durch Kasernenbau und Stationierung von Truppen eine enorme Militarisierung durchläuft. Wie kein Anderer repräsentiert Emil Kraatz (1848-1921) damals die in der Stadt vorherrschende politische und soziale Denkweise.

„So schön unsere Stadt ist, so hat es ihr doch an Denkmälern sehr gefehlt. … Ich habe mich jahrelang bemüht, das Geld zu bekommen …. “ (Kraatz 1914, 217), beschreibt der ehemalige Oberbürgermeister (1889 bis 1913) sein Engagement für die Errichtung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Das entsprach wohl dem Zeitgeist.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal (historisch)

Doch dass er den Kasernenbau, auf den er wahnsinnig stolz ist, in Höhe von reichlich 700 000 M [Mark] (267), gegen die Teilhabe der Stadt an der Industrialisierung ausspielt, zeugt nicht von Weitsichtigkeit. Sein Unverständnis der ökonomischen Erfordernisse und Trends seiner Zeit schreibt er mit den Sätzen fest:

"Es kann eine Stadt nicht Industriestadt und Pensionopolis sein, nur das eine oder das andere, denn das eine schließt das andere aus.“

Als Industriestadt zieht Naumburg, argumentiert er, eine große Arbeiterbevölkerung heran, und es hört der Zuzug der besser situierten Leute auf. Damit verpasst Naumburg einen historischen Wendepunkt, nämlich die seit 1870 in Deutschland forciert einsetzende industrielle Revolution. Diese nur mit dem Kasernenbau mitzugehen, verhinderte die Herausbildung einer modernen Wirtschaftsstruktur. Sein Plädoyer für Pensionopolis geht einher mit der Abneigung, der Unterschätzung der Rolle einer Arbeiterkultur, besonders aber deren Beitrag zu Wohlstand und Fortschritt der Stadt.

Naumburg gehört, schreibt Kraatz, „zu den wenigen Städten in Deutschland“, „die noch mit verhältnismäßig geringen Steuern wirtschaften können“ und - deshalb? - von den Herrschaften, die sich hier von den Geschäften zu Ruhe setzen wollen, bevorzugt wird (vgl. ebenda 216). Gleichsam aufatmend sein Seufzer:

„Noch herrscht aber“ keine „Parlamentswirtschaft bei uns“. (271)

Denn:

„Das Fortschreiten auf dem Weg zum Parlamentarismus muß daher das Reich zum inneren Zusammenbruch führen“. (284)

 

Der Teiler

Das Volksblatt nannte Kraatz eine Zeit den „Teiler“.

In Naumburg war der 2. Bürgermeister Benckendorff aus dem Dienst geschieden. Sein Nachfolger trat erst im Verlaufe des nächsten Jahres seinen Dienst an. So konnte das Gehalt von 1 200 Mark eingespart werden. „Oberbürgermeister Kraatz nahm davon 800 Mark für sich, 300 Mark erhielten der Hauptkassenrendant und die letzten 100 Mark ein Unterbeamter.“ Die Stadtverordnetenversammlung erhielt 1898 davon Kenntnis und rügte, dass dieser Betrag ohne ihr Wissen und Zustimmung verteilt wurde. Magistratsmitglieder bemühten sich um eine nachträgliche Legitimierung des Vorgangs, was dann gegen sechs Stimmen gelang. Kraatz klagte gegen das „Volksblatt“ und erhielt Recht. (Vgl. Leopoldt 295)

 

Ganz im Sinne der imperialen Politik übernimmt „der Teiler“, wie er auch genannt, die 1897 von Bernhard von Bülow (1849-1829) als Staatssekretär des Äußeren erhobene Forderung nach Weltmachtpolitik und mehr Kolonien für Deutschland, und fragt:

Wo ist der „Platz an der Sonne“?

„…. Warum haben wir uns an der Aufteilung der Welt nicht beteiligt und den von uns doch so nötigen Anteil davon nicht gefordert oder genommen?“ (275)

„Bei der Neuverteilung der außereuropäischen Welt sind wir dank dieser Politik überall zu kurz gekommen.“ (271)

Kraatz gibt damit eine treffliche Unterweisung zum wilhelminischen Denken: Kaisertreue und standhafte Weigerung gegenüber der Demokratisierung vergesellschaftet mit imperialem Denken. Getragen wird es von den Beamten und dem Offizierkorps. Von der arbeitenden Klasse erwartet die politische Klasse Untertanengeist und Gehorsamkeit. Und so könnte es dann für alle Zeiten weitergehen.

Den Aufbruch von 1918 in eine neue Epoche ist das wilhelminische Denken nicht gewachsen. Kaiser Wilhelm II. muss sich am 28. November 1918 nach Schloss Doorn/Niederlande ins Exil begeben. Vielen Naumburgern kommt damit die politisch-moralische Leitfigur abhanden.

 

 

Karl Bauer (geboren 1920) erinnert sich:

„Naumburg war eine kaisertreue Stadt, und natürlich wurde der Geburtstag des Herrn mit Pauken und Trompeten gefeiert. Schwarz-weiß-rote Fahnen schmückten die Häuser und den Markt, in den Fenstern waren Hindenburglichter aufgestellt. Für mich war es als 4-jähriges Kind ein herrlicher Anblick. Die Republik kam zu kurz. …“

(Bauer 2006)

 

 

Für einen friedlichen Weg

Das Naumburger Establishment pflegt nach 1918 weiter den wilhelminischen Geist. Es empfindet es als unzumutbaren Eingriff in ihr Leben, als Ernst Heinrich Bethge in den Schulen und öffentlichen Gebäuden die Kaiser-Bilder entfernen lässt. Mit der Einweihung des Jägerdenkmals am 1. Juli 1923 in Naumburg geht es aber um viel mehr. Deutschnationale Kreise und Anhänger der Vaterländischen Verbände popularisieren die Revitalisierung der militaristischen Denkkultur zur Revision der europäischen Grenzen.

Hans Falk (1886-1960), Zigarrenmacher, seit 1907 SPD-Mitglied, Wohnort 1918: Wendenplan 3, nach 1945 Leninhöhe 8

Doch es gibt Naumburger, die darüber anders denken und einen friedlichen Weg für Deutschland suchen wollen. Zu ihnen gehört der Zigarrenmacher Hans Falk. Der Sozialdemokrat (1907) verweigert 1917 den Kriegsdienst. Seinen Lebensentwurf ohne Immer-wieder-Krieg quittierte die Staatsmacht mit sechs Monaten Festungshaft. Genau hier ist der richtige Ort, sich des Kriegsdienstverweigerers zu erinnern.

Doch den Weg von Hans Falk wollen die meisten Naumburger damals nicht gehen.

 

 

Das Jägerdenkmal

Dunkle Wolken stehen an diesem Sonntag am Himmel. Es ist kein Kaiserwetter. Auf etwas Sonnenschein folgen Regenschauer. Doch dem Schwung und der Begeisterung der Bürger tut es keinen Abbruch. Mehr noch, die Hochstimmung währt mehrere Tage. Am Tag nach der Einweihung des Jägerdenkmals ziehen Tausende trotz regenreichen Wetters zur Nachfeier auf die Rudelsburg.

Jägerdenkmal am 1. Juli 1923

Am Tag vor der Einweihungsfeier konnte man auf dem Bahnhofsvorplatz beobachten, wie sich die Veteranen des Krieges umarmen. Seit den Kriegstagen haben sich die meisten nicht mehr gesehen. Einige kennen sich aus dem Lazarett. In der Reichskrone findet ein Begrüßungsjägersabend statt. Als der Jägermarsch erklingt, geht ein Ruck durch die Reihen. Oberst Georg von Siber, Vorsitzender des Denkmalausschusses, begrüßt die alten Kameraden. Grußtelegramme von Generalfeldmarschall von Hindenburg, Finck von Finckenstein und Freiherr von Plettenberg kommen zur Verlesung. General Ludendorff (1867-1935) entbietet seine Grüße und erinnert daran: Die 4. Jäger marschierten 1914 als Erste in Lüttich ein.

Die Teilnehmer am Wiedersehensfest und der Einweihung des Jägerdenkmals versammeln sich am Sonntag früh 8 Uhr auf dem Kaiser-Friedrich-Platz (Heinrich-von-Stephan-Platz). Selbst die Dächer um den Platz sind dicht besetzt. Eine Quelle schätzt die Menschenmenge auf 31 000 Personen. So oder so, es ist wahrscheinlich die grösste Demonstration, die Naumburg bis dahin erlebt hat.

Kaiser-Willhelm-Platz (etwa um 1900) mit der Germania im Vordergrund (Bild digital bearbeitet)

Auch die steinernde Statue von Kaiser Wilhelm auf dem Moltke-Platz (Am Wenzelstor) hält einen Blumenstrauß in der Hand und ist mit Girlanden umwunden.

Liebevoll geschmückt ist die Germania, das Kriegerdenkmal auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz. Es wehen viele Fahnen. Besonders links und rechts vom Feldaltar, wo mit Pfarrer Bock ein Festgottesdienst stattfindet. Er hält, sagt das Naumburger Tageblatt, "eine eindringende, die Herzen erschütternde Rede". Tiefen Einblick in die politische Befindlichkeit und Gesellschaftsmoral der Stadt geben folgende Sentenzen aus seiner Predigt:

„Eine Erhebung des Vaterlandes aus der jetzigen Erniedrigung und Knechtschaft ist nur möglich, wenn eine gründliche Erneuerung des gesamten Volkes auf kirchlich-deutscher Grundlage sich Bahn brechen wird.“

 


 

Arthur Dietrich,
wurde am 19. Mai 1875 in Scheibenburg (Sachsen) geboren. Von 1895 bis 1898 studiert er in Leipzig Staats- und Rechtswissenschaften. Zunächst war er Gerichtsassessor. 1903 übernimmt er ein Amt als Hilfsrichter in Oschatz. Dann wechselt er in den Kommunaldienst zur Stadtverwaltung Leipzig als Rechtsassessor. Nach Absolvierung der Stationen Merseburg (Stadtrat) und Mühlheim an der Ruhr (Beigeordneter) wählen die Stadtverordneten Arthur Dietrich am 21. August 1912 auf zwölf Jahre als Bürgermeister. Am 17. März 1913 erfolgt in einer außerordentlichen Stadtverordneten-sitzung die Amtseinführung.

 

„Wenn das deutsche Volk sich wieder auf seine wirkliche Stärke besinnt, wenn deutscher Geist uns wieder belebt, dann wird aus unserer Mitte eine Begeisterung gleich 1813 und 1914 hervorgehen und Deutschland wird wieder Helden haben.“

„Ich bete an die Macht der Liebe“, schliesst der Prediger.

Dann ziehen die Massen zum Marktplatz. Hier begrüsst sie mit herzlichen Worten der Oberbürgermeister Dietrich und erinnerte an die Söhne der Stadt und ihrer Umgebung, die im Krieg für das Vaterland gefallen sind. „Ihr Leid ist deshalb auch unser Leid und Ihre Ehre ist unsere Ehre“, sagt er.

Paul Moewes, Vorsitzender des Provinzialvereins der Jäger und Schützen, dankt im Namen alle Jäger für den Willkommensgruss.

Es hört auf zu regnen. Die Massen begeben sich zur Bergstraße. Hier findet die Einweihung des Denkmals statt. Ein Teil von ihnen versammelt sich in Gruppen und Abteilungen auf dem Artillerie-Platz (Heinrich-von-Stephanplatz), um sich dann wieder in einem eindrucksvollen Zug zum Jägerdenkmal zusammenzuschließen. Der Platz um das Jägerdenkmal ist durch die Schutzpolizei weiträumig abgesperrt. Eine „überwältigend große Teilnahme von außen“, meldet am Tag darauf das „Naumburger Tageblatt“. Und dies ist keine Übertreibung. Die Sonderbeilage der Nachrichten des Provinzialvereins ehemaliger Jäger und Schützen vom 1. August 1923 berichtet von 19 000 Teilnehmern am Festumzug, die sich um das Jägerdenkmal einfinden. Unmittelbar am Denkmal nehmen der Magistrat, die Generalität, die Offiziere und die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung Aufstellung. Bald sah man eine große Anzahl von Menschen in Trauerkleidung: Eltern, Geschwister, Waisen und Witwen der Gefallenen.

Das Monument liegt an der Bergstraße auf Höhe zur Abzweigung Spechsart, unweit der einstigen Jäger-Kaserne.

 

 

Jägerkaserne und Jäger

1872 feiert die Stadt vor dem Neutor das Richtfest für den ersten modernen Kasernenbau. 1873 bezieht das „Magdeburgische Jägerbataillon Nr. 4“ hier Quartier. Bereits 1890 wird es nach Colmar im Elsass verlegt. Von 1902-1904 wird die „Neue Jäger-Kaserne“ (Jägerstraße/Nordstraße) erbaut. 1909 kehrt es aus Colmar zurück. Im November 1918 schreibt es mit an der Geschichte Deutschlands. Nachdem es am Abend des 8. November die USPD in Berlin schafft, etwa sechsundzwanzig Versammlungen einzuberufen, um den Generalstreik sowie Massendemonstrationen für den nächsten Tag zu beschließen, fordert Friedrich Ebert ultimativ die Abdankung des Kaisers. Um den Unruhen entgegenzutreten, lässt die Regierung Max von Baden noch am selben Abend das als besonders zuverlässig geltende 4. Jägerregiment nach Berlin verlegen.

 

 

Das Denkmal hat die Form eines steinernen Sarkophags, der auf einem mächtigen Kalksteinblock ruht. Obenauf liegt eine mit großen Dornenzweigen umwundene Kugel. An den Seiten trägt es die Aufschrift 1914-1918 und auf der Rückseite die Inschrift „Es starben den Heldentod ….“ Geehrt werden „98 Offiziere und 3249 Oberjäger und Jäger“ vom Jäger-Feldbataillon: 4. Reserve-Jägerbataillon 19 und 21 und die Radfahrerkompanien 49, 56, 79 und 162 sowie das Ersatzbataillon Jäger 4. An der Vorderseite des Denkmals finden sich Bronzeverzierungen. Der Entwurf des Denkmals stammt vom Stadtbaurat Friedrich Hoßfeld. Die Ausführung erfolgt durch Karl Kruschwitz.

Gedämpfter Trommelwirbel leitet den Festakt an der Bergstrasse ein und die Musik spielt: „Wir treten zum Beten!“ Die Weihe nimmt der letzte Kommandeur des 4. Jägerbataillons Fürst Heinrich XXVII. von Reuß vor.

Seine Rede:

„Kameraden von der grünen Farbe!


Fürst Heinrich XXVII. von Reuß (1858-1928)

Heinrich XXVII. von Reuß jüngere Linie (1858-1928) war von 1908 bis 1918 der Regent des Fürstentums Reuß ältere Linie, von 1908 bis 1913 Regent des Fürstentums beziehungsweise regierender Fürst von Reuß jüngere Linie. Im Ergebnis Novemberrevolution musste er am 11. November 1918 abdanken.

In schweren Zeiten sind wir zu dieser Feier zusammengekommen. Wir haben ein Anrecht, uns hier einzufinden, um unseren gefallenen Helden von den 4. Jägern und dessen Kriegsformation zu ehren. Noch haben wir jetzt im Westen einen Kampf gegen den Erbfeind, wenn dieser auch mit anderen Mitteln ausgetragen wird. Ein wackerer Stamm unseres Volksgenossen hält dort ohne Waffen stand gegen die Übergriffe und Schikanen eines verhaßten Feindes [Frankreich], der widerrechtlich in deutsches Land eindrang und uns geflissentlich in unserer Wiederaufbauarbeit hemmt. Die deutschen Feldgrünen Jäger sind 1914 hinausgezogen, um in der Tradition der alten Jägertruppe zu siegen und zu bluten. Auf allen Kriegsschauplätzen haben die Jäger unverwechselbare Lorbeeren geerntet. Dieser Taten gedenken wir und schätzen die Gefallenen glücklich, dass sie den Niedergang und die Schmach des Vaterlandes nicht erleben. Wir sind stolz auf diese Kameraden. Und im Gefühl dieser stolzen Trauer rufen wir heute: Unser deutsches Vaterland lebe hoch!

Vieltausendstimmig klang dieses Hoch aus und mächtig brauste das Deutschlandlied über den großen Festplatz.

Fürst Heinrich XXVII. von Reuß (1858-1928) Rede, ein Meisterwerk historischer Ignoranz, dient der Schaffung eines Mythos vom ehrlichen und kämpferischen Jägergeist. Dazu passen die Kriegsverbrechen nicht, die die deutschen Truppen im neutralen Belgien im August 1914 begingen. Zur Ausgrenzung unliebsamer Wahrheiten wendet er die Methode der nationalen Voreingenommenheit, wie sie die gesamte deutschnationale und nationalsozialistische Geschichtspropaganda zum Ersten Weltkrieg, in Sonderheit zur Kriegsschuldfrage durchzieht. Geschickt nutzen die Redner die Trauer der Angehörigen über den Verlust der Gefallenen des letzten Krieges zur kommunikativen Internalisierung des militaristischen Denkens.

 

Aus der Ansprache von Major Ott vom 4. Feld-Jägerbataillon am 1. Juli 1923 am Jägerdenkmal:

„Wir glauben an Deutschlands Zukunft. Und wenn z. Zt. [zurzeit] im Westen der Franzmann und der Belgier uns den Fuß auf den Nacken setzt. Und im Siegerübermut die Peitsche über unsern Brüdern, so kommt dennoch die Zeit, wo man uns wieder frei und bereit finden wird. Wir aber, Kameraden, die wir in ungeheurer Zahl hier am Denkstein vereint sind, wollen uns über die Gräber hinweg die Hände reichen.“

 

Nach dem Fürsten tritt Major Ott vom 4. Feld-Jägerbataillon zur zur Festrede an und erinnert an die großen „Taten der Jäger“ im August 1914 in Lüttich. Die reaktionäre Militärkaste ist nicht gewillt, auch nur die geringste moralische Verantwortung für ihr Versagen im letzten Krieg zu übernehmen.

Im Anschluss an die Rede von Major Ott legen am steinernen Sarkophag die Hinterbliebenen und Offiziellen Kränze nieder. Darunter befindet sich ein Blumengebinde von Arthur Dietrich. Der Oberbürgermeister wohnte in diesem Jahr bereits der Einweihung einer Ehrentafel für die Gefallenen im Krieg 1914-18 in der Georgenschule (Wilhelm-Wagner-Straße) bei. Turnlehrer Friedrich Banse (Hallesche Straße 15) glänzte dabei durch Absonderung pikanter nationalsozialistischer Ideen. Der Abgeordnete Otto Grunert (Steinweg 14) von der sozialdemokratischen Fraktion nimmt in der Stadtverordnetensitzung vom 13. Juni 1923 dagegen Stellung. Entschieden wendet er sich gegen das „Stillhalten“ des bei dem Festakt anwesenden Oberbürgermeisters Dietrich. Hiezu meldet der „Volksbote“ aus Zeitz am 19. Juni 1923:

„So wird die antirepublikanische G e d e n k r e d e des Lehrers Banse bei der Einweihung der Gedenktafel in der Georgenschule und das passive Verhalten des dabei zugegen gewesenen Oberbürgermeisters“ vom SPD-Abgeordneten Grunert gegeißelt. Auf eine Beschwerde an die Regierung [von Otto Grunert] hierüber habe die ihm geantwortet, dass die Beschwerde berechtigt sei …“ (Sozialistische Kritik 1923)

Eine feierliche und ernste Feierstunde an der Bergstraße neigt sich dem Ende zu. Und in vielen Augen waren die Tränen zu sehen.

Nach dem abschließenden vielstimmigen Gesang der Teilnehmer der Einweihungsfeier mit Deutschland über alles vergehen noch zehn Jahre, bis Hitler die Macht ergreift.

Jägerdenkmal,
an der Bergstraße (Zeichnung)

Fürst Heinrich XXVII. von Reuß nimmt vor der Reichskrone (Bismarckplatz) den Vorbeimarsch des Festzuges ab, der dann weiter zum Kaiser-Friedrich-Platz zog und sich hier auflöste.

Nach dem Einweihungszeremoniell wechselten nach einem Programm Vorträge, Platzkonzerte und Theaterstücke einander ab. Die Festsäle Reichskrone, Post und Ratskeller sind mit Menschen voll gestopft.

Wir waren Augenzeugen einer einzigartigen Manifestation des revanchistischen deutschnationalen Politikverständnisses der Nachkriegszeit.

 

 

Symbolwert für die Nationalsozialisten

Die Nationalsozialisten schätzen den Symbolwert des steinernen Sarkophags an der Bergstraße und nutzen ihn für ihre Propaganda. Beispielsweise spricht hier am Vorabend der Wahlen zum Reichstag, den 29. März 1936, SA-Gruppenführer Adolf Kob (geboren 1885), Führer der SA-Gruppe Mitte, zu allen Gliederungen der NSDAP, SA und den Bürgern der Stadt.

 

 

Jägerfest - 1938 in Naumburg
(Auszug aus dem Programm)

Sonnabend, den 20. August 1938

17.30 Uhr
Kameradschaft Jäger 4, Mitgliederversammlung im Hindenburgsaal des Ratskeller-saales

20.00 Uhr
Begrüßungskommers aller Formationen in beiden Sälen des Ratskellers


Sonntag, den 21. August 1938
9.00 Uhr
Kranzniederlegung am Jägerdenkmal

9.45 Uhr
Antreten sämtlicher Festteilnehmer auf der Vogelwiese

10.15 Uhr
Abmarsch über Jakobsstraße , Markt, Salzstraße und Flemminger Weg -
Hubertuskaserne, dort Aufstellung zur Traditionsfeier mit dem Infanterieregiment 55

11.00 Uhr
Traditionsfeier, Einmarsch der Fahnenkompanie, Ansprache des Führers der Kameradschaften der ehemaligen 4. Jäger, Ansprache des Regimentskommandeurs des Infanterieregiments 53, „Sieg Heil“ auf den Führer

12.00 Uhr
Feldküchenessen

13.00 Uhr
Kasernenbesichtigung und militärische Vorführungen

15.30 Kameradschaftsappell und Konzert

20.00 Uhr
„Grüner Abend“ der einzelnen Kameradschaften in den einzelnen Standquartieren


Montag, den 22. August 1938

11.00 Uhr
Treffen in „Dunkelbergs Garten“ [Spechsart 26]

12.00 Uhr
Feldküchenessen

14.00 Uhr
Abmarsch zum Bahnhof

14.00 Uhr
Abfahrt nach Freyburg, Besichtigung der Sehenswürdigkeiten

 

 

 

Erlernen des Vergessens

Eigentlich sollte das Jägerdenkmal dem Erinnern an die Gefallenen dienen. Doch tatsächlich ging es bereits bei der Einweihung an diesem ersten Julisonntag 1923 in Naumburg um das Erlernen des Vergessens.

Vergessen sind die unsägliche Politik der Kriegsverlängerung durch Ludendorff und Hindenburg wie der Einsatz barbarischer Mittel zur Aufrechterhaltung der Disziplin der Truppe.

Vergessen, wie in Bixschote (1914) junge, unerfahrene deutsche Soldaten sinnlos in das Maschinengewehrfeuer des Gegners getrieben wurden.

Vergessen sind die Entbehrungen, der Hunger und das Elend der Zivilbevölkerung.

Vergessen ist, dass die Generäle mit den Konzepten von Gestern die Schlachten planten und den Krieg verloren.

Vergessen ist, dass in Preußen 45 000 (!) „nutzlose Esser“ als Amtsarztpatienten in den Krankenhäusern, Kliniken und Anstalten verhungerten.

Vergessen sind die hohen sozialen Kosten der Stadt Naumburg als Folge des Ersten Weltkrieges.

Nur einige wenige Naumburger wollen nicht vergessen. Eine kleine unscheinbare Notiz im „Naumburger Tageblatt“ vom 3. Juli 1923 verrät es:

„Am Sonntagabend soll eine kleine Demonstration vor der Reichskrone begonnen worden sein - wohl mehr „ut a-liquid fieri videatur“, damit man berichten kann, es sei etwas geschehen, als aus wirklichem Bedürfnis heraus -, doch wurde sie von vornherein zerstreut.“ (Jägerdenkmal)

Ut aliquid fieri videatur - damit es den Anschein hat, irgendetwas geschehe - soll ein versteckter Hinweis darauf sein, dass Bürger wie Otto Grunert wegen ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen des Lateins nicht mächtig waren. Jedenfalls besaßen sie soviel Bildung und Urteilskraft, dass sie die Gefahr des erneuten Weltkrieges deutlich erkennen. Den wollen sie verhindern. Diese kleine Minderheit bildet nun die Avantgarde der Stadt. Nicht im funktionalen, wohl aber im moralischen Sinne. Sie lehnen die antidemokratischen Reformen und das aggressive deutschnationale Denken ab. Später widersetzen sie sich dem Nationalsozialismus. Manche gehen auch, wie Friedrich Blüthgen, den Weg der inneren Emigration.

Aber ein Grossteil der Bürger pflegt mit dem Jägerdenkmal seine höchst zweifelhafte nationale Ehre, um schließlich einmal für die Schmach von Versailles Revanche zu nehmen. Das verheißt Krieg. Als ein in Stein gehauenes Monument des aggressiven deutsch-nationalen Denkens bereitet das Jägerdenkmal der nationalsozialistischen Bewegung geistig den Weg.

 

 

Bauer, Ellen (Herscheid, 1942-1945): Harte Arbeit. Internetseite des Stadtmuseums Naumburg, www.museumnaumburg.de, Januar 2006

Bock, Pfarrer: Predigt zum Festgottesdienst am 1. Juli 1923 aus Anlass der Einweihung des Jägerdenkmals. Zitiert nach: Die Weihe des Jägerdenkmals. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 2. Juli 1923

Brocke, Bernhard vom: Wissenschaft und Militarismus. Der Aufruf der 93 "An die Kultuwelt!" und er Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg. Herausgegeben von: William Calder III, Helmuth Flashar, Theodor Lindken
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, Seite Seite 647 bis 719 (Anmerkung: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff galt lange als Verfasser des Entwurfs "An die Kulturwelt!". Aus dem bei Bernhard von Brocken (719) veröffentlichten Brief von Ludwig Fulda an Emil Fischer vom 17. Oktober 1914 geht hervor, dass der bekannte Bühnenautor und Übersetzer diesen Text entworfen hat.)

[Jägerdenkmal] Die Weihe des Jägerdenkmals und Nachlese zum Jäger-Tag. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 2. Juli 1923 beziehungsweise 3. Juli 1923

Kraatz, Emil: Aus dem Leben eines Bürgermeisters und der von ihm in den letzten 37 Jahren verwalteten Städte. Erinnerungen, Erfahrungen und Betrachtungen. Verlag Friedrich Wilhelm Grunow, Leipzig 1914

Leopoldt, Adolf: Rote Chronik der Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Herausgeber SPD. Unterbezirk Zeitz-Weißenfels-Naumburg 1931

Sozialistische Kritik in der Kappstädter Stadtverordneten-Versammlung. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Zeitz, den 19. Juni 1923

Wiedersehensfest und Denkmalsweihe A.S. Sonderbeilage der Nachrichten des Provinzialvereins ehemaliger Jäger und Schützen. Nummer 12, Halle a.S., den 1. August 1923

Weinkauff, Gina: Ernst Heinrich Bethges Ästhetik der Akklamation. Wandlungen eines Laienspielers im Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Deutschland. Verlegt bei Wilfried Nold, Frankfurt a. Main, 1994, besonders Seite 12

Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005.
Aktualisiert: 6. Juni 2008

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